Begriff

Aufmerksamkeitsökonomie

Ein Reichtum an Information erzeugt einen Mangel an Aufmerksamkeit - das schrieb Herbert Simon 1971. Fünfzig Jahre später ist diese Knappheit das Geschäftsmodell jeder Plattform, auf der du scrollst.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Englisch
attention economy
Deutsch
Aufmerksamkeitsökonomie, Ökonomie der Aufmerksamkeit
Auch bekannt als
Attention Economy, Aufmerksamkeitsmarkt, Attention Merchants
Herkunft
Grundidee 1971 bei Herbert Simon; Begriff geprägt 1997 von Michael Goldhaber (englisch) und 1998 von Georg Franck (deutsch).

Kurz gesagt

  1. Aufmerksamkeitsökonomie heißt: Nicht Information ist knapp, sondern die Aufmerksamkeit dafür - und Aufmerksamkeit lässt sich in Werbeumsatz umrechnen.
  2. Grundidee 1971 bei Herbert Simon; Begriff 1997 bei Michael Goldhaber und 1998 bei Georg Franck („Ökonomie der Aufmerksamkeit“); Tim Wu schrieb 2016 ihre Geschichte.
  3. Werbefinanzierte Feeds optimieren auf eine Kennzahl, Verweildauer. Daraus folgen Negativität, fehlende Haltepunkte und variable Belohnung - ohne dass jemand es planen muss.
  4. Doomscrolling ist aus dieser Sicht kein Fehler des Systems, sondern sein Erfolg. Deshalb wird der Feed sich nicht von selbst ändern.

Was Aufmerksamkeitsökonomie bedeutet

Aufmerksamkeitsökonomie ist die Idee, dass menschliche Aufmerksamkeit ein knappes Gut ist, um das konkurriert wird wie um Geld - und dass in einer Welt, in der Information im Überfluss vorhanden ist, nicht mehr die Information wertvoll ist, sondern die Aufmerksamkeit, die man ihr schenkt. Wer Aufmerksamkeit bekommt, kann sie zu Geld machen: über Werbung, über Reichweite, über Einfluss. Wer keine bekommt, existiert wirtschaftlich nicht.

Das erklärt das Geschäftsmodell fast aller Plattformen, auf denen Doomscrolling stattfindet. Sie verkaufen keine Inhalte. Sie verkaufen die Zeit, die Menschen mit Inhalten verbringen, an Werbekunden. Jede Minute, die du länger im Feed bleibst, ist Umsatz. Jede Minute, die du früher gehst, ist entgangener Umsatz. Aus dieser Rechnung folgt alles Weitere.

Woher der Begriff kommt

Die Grundidee stammt von Herbert Simon, Ökonom, Psychologe und späterer Nobelpreisträger. 1971 schrieb er, dass ein Reichtum an Information einen Mangel an Aufmerksamkeit erzeuge - weil Information die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger verbraucht. Simons Punkt war zunächst ein technischer: Wer Informationssysteme entwirft, denke fälschlich, sein Problem sei Informationsmangel, und baue Systeme, die mehr Information liefern. Das eigentliche Problem sei Aufmerksamkeitsmangel, und die Lösung seien Systeme, die filtern. Fünfzig Jahre später ist diese Fehldiagnose das Geschäftsmodell einer ganzen Branche.

Den Begriff „attention economy“ prägte 1997 der Physiker und Autor Michael Goldhaber in einem Essay über die Ökonomie des Netzes. Fast zeitgleich, 1998, veröffentlichte der Wiener Architekt und Philosoph Georg Franck sein Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, das den Begriff im deutschen Sprachraum etablierte. Francks These: Für werbefinanzierte Medien stehe das Einkommen an Aufmerksamkeit über dem finanziellen Erfolg - Aufmerksamkeit sei die eigentliche Währung, Geld nur ihre Umrechnung. 2001 folgten Thomas Davenport und John Beck mit „The Attention Economy“, das den Begriff in die Managementliteratur trug. Und 2016 zeichnete der Jurist Tim Wu in „The Attention Merchants“ die Geschichte der Aufmerksamkeitshändler nach, von der Boulevardzeitung des 19. Jahrhunderts bis zum Smartphone.

Wie die Rechnung funktioniert

Ein werbefinanzierter Feed hat eine einzige Kennzahl, die alles andere bestimmt: Verweildauer. Nicht Zufriedenheit, nicht Informiertheit, nicht Wohlbefinden - Verweildauer, weil sie sich in Werbeeinblendungen umrechnen lässt. Alle Designentscheidungen werden an dieser Kennzahl gemessen, und zwar nicht durch Menschen mit Absichten, sondern durch Experimente, die automatisch das behalten, was die Kennzahl erhöht. Ein Feed, der um ein Prozent länger fesselt, verdrängt einen, der das nicht tut. So setzen sich Muster durch, die niemand geplant hat:

  • Inhalte, die stärker binden, werden häufiger gezeigt - und wegen des Negativity Bias sind das oft negative.
  • Haltepunkte, an denen Menschen aufhören könnten, werden entfernt - daher Infinite Scroll und Autoplay.
  • Belohnungen werden unregelmäßig verteilt, weil das am längsten bindet - das Prinzip der variablen Belohnung.

Man muss also keine Verschwörung annehmen. Es reicht ein System, das auf Verweildauer optimiert und Varianten ausprobiert. Das Ergebnis sieht aus, als hätte jemand Doomscrolling absichtlich gebaut. Tatsächlich hat es sich durchgesetzt, weil es funktioniert.

Was das mit Doomscrolling zu tun hat

Doomscrolling ist aus Sicht der Aufmerksamkeitsökonomie kein Fehler, sondern ein Erfolg. Ein Mensch, der um Mitternacht nicht aufhören kann, durch Krisennachrichten zu scrollen, ist das, worauf das System optimiert wurde: maximale Verweildauer. Dass es ihm dabei schlecht geht, taucht in keiner Kennzahl auf. Das ist der Grund, warum Appelle an die Plattformen wenig ändern: Man bittet ein Unternehmen, sein Produkt schlechter zu machen.

Aus der Angriffsperspektive ist das der interessanteste Punkt. Ein Social-Engineering-Angreifer will eine Handlung: den Klick, die Überweisung, das Passwort. Die Aufmerksamkeitsökonomie will keine einzelne Handlung, sondern Zeit. Sie muss dich nicht zu etwas bringen, sie muss dich nur halten. Das macht sie schwerer zu erkennen als jeden Betrug, weil es keinen Moment gibt, in dem etwas Falsches passiert. Es passiert nur nichts anderes.

Was sich daraus ableiten lässt

Wer versteht, dass seine Zeit das Produkt ist, versteht auch, warum der Feed sich nicht ändern wird. Die Konsequenz ist nicht Verzicht auf alles, sondern die Frage, wo man Aufmerksamkeit ausgibt, ohne dass jemand daran verdient: bei Quellen ohne Feed, bei Formaten mit Ende, bei Menschen statt Plattformen. Herbert Simons Rat von 1971 gilt unverändert: Das Problem ist nicht zu wenig Information, sondern zu wenig Filter - und den Filter sollte man nicht dem überlassen, der an der Verweildauer verdient.

Häufige Fragen

Ist die Aufmerksamkeitsökonomie eine Verschwörungstheorie?

Nein, eher das Gegenteil. Sie erklärt, warum Feeds so gebaut sind, wie sie sind, ohne dass jemand es planen muss: Ein System, das auf Verweildauer optimiert und Varianten testet, behält automatisch die Muster, die am längsten binden. Dass das Ergebnis aussieht wie Absicht, ist die Folge von Auslese, nicht von Planung - was es nicht besser macht, aber anders zu bekämpfen.

Was ist der Unterschied zwischen Aufmerksamkeitsökonomie und Werbung?

Werbung gab es immer; Zeitungen und Fernsehen waren auch werbefinanziert. Neu ist, dass die Plattform selbst kein Programm mehr macht, sondern nur noch den Feed optimiert, der die Aufmerksamkeit bindet - und dass sie diese Optimierung in Echtzeit an Milliarden Nutzern testet. Die Zeitung verkaufte Aufmerksamkeit für einen Artikel. Der Feed verkauft Verweildauer an sich.

Warum ändern die Plattformen das nicht, wenn sie das Problem kennen?

Weil jede Änderung, die Doomscrolling erschwert, die Verweildauer senkt und damit den Umsatz. Ein Unternehmen müsste sein Produkt aus eigener Entscheidung schlechter machen. Das passiert in der Regel nur unter äußerem Druck - durch Regulierung, durch Abwanderung der Nutzer oder durch Werbekunden, die kein Umfeld aus Krisen wollen.

Quellen

  1. Wikipedia (englisch): Attention economy - Begriffsgeschichte von Simon über Goldhaber, Franck, Davenport und Beck bis Wu.
  2. Simon, H. A. (1971): Designing Organizations for an Information-Rich World. In: Greenberger, M. (Hrsg.): Computers, Communications, and the Public Interest. Baltimore: Johns Hopkins Press.
  3. Franck, G. (1998): Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. München: Hanser.
  4. Wu, T. (2016): The Attention Merchants: The Epic Scramble to Get Inside Our Heads. New York: Knopf.

Hier endet die Seite.

Kein Weiterscrollen, keine Empfehlungsschleife.

Falls du doch weiterlesen willst - hier schließen drei Seiten an: