Begriff

Negativity Bias

Eine Kritik bleibt länger hängen als ein Lob, eine schlechte Nachricht zieht stärker als eine gute. Die Grundeinstellung der menschlichen Wahrnehmung, ohne die es kein Doomscrolling gäbe.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Englisch
negativity bias, negativity effect
Deutsch
Negativitätsverzerrung, Negativitätseffekt, Negativitätsbias
Auch bekannt als
Negativitätsbias, Negativitäts-Bias, Bad is stronger than good
Herkunft
Seit Jahrzehnten beobachtet, systematisch beschrieben 2001 in den Übersichtsarbeiten von Baumeister u. a. und Rozin und Royzman.

Kurz gesagt

  1. Der Negativity Bias ist die Neigung, negativen Reizen mehr Gewicht zu geben als gleich starken positiven - in Wahrnehmung, Gedächtnis, Urteil und Entscheidung.
  2. Systematisch beschrieben 2001 von Baumeister u. a. („Bad is stronger than good“) und Rozin und Royzman (vier Bestandteile); die gängige Erklärung ist evolutionär.
  3. Für Nachrichten belegt: körperlich stärkere Reaktionen auf negative Beiträge in 17 Ländern (Soroka u. a., 2019) und 2,3 Prozent mehr Klicks pro negativem Wort in der Überschrift (Robertson u. a., 2023).
  4. Plattform, Redaktion und Leser verstärken sich über den Negativity Bias gegenseitig - der Feed zeigt nicht die Welt, sondern den Ausschnitt, der Aufmerksamkeit erzeugt.

Was der Negativity Bias bedeutet

Der Negativity Bias, auf Deutsch Negativitätsverzerrung oder Negativitätseffekt, beschreibt die Neigung des Menschen, negativen Reizen mehr Gewicht zu geben als gleich starken positiven. Eine Kritik bleibt länger hängen als ein Lob. Ein Verlust schmerzt mehr, als ein gleich großer Gewinn freut. Eine schlechte Nachricht zieht den Blick stärker an als eine gute. Das ist keine Charakterschwäche, sondern eine Grundeinstellung der menschlichen Wahrnehmung - und sie ist der Grund, warum Doomscrolling überhaupt funktioniert.

Woher das Konzept kommt

Beobachtet wurde der Effekt seit Jahrzehnten, systematisch beschrieben wurde er 2001 in zwei Übersichtsarbeiten, die bis heute die Grundlage bilden. Roy Baumeister und Kollegen fassten den Forschungsstand unter dem Titel „Bad is Stronger than Good“ zusammen: In praktisch allen untersuchten Bereichen - Lernen, Gedächtnis, Beziehungen, Urteilen, Entscheiden - wirkt Negatives stärker als Positives. Paul Rozin und Edward Royzman zerlegten den Effekt im selben Jahr in vier Bestandteile:

  • Negative Potenz: Ein negativer und ein positiver Reiz gleicher Stärke werden nicht gleich stark erlebt - der negative wiegt schwerer.
  • Steilere negative Gradienten: Je näher ein negatives Ereignis rückt, desto schneller wächst seine gefühlte Bedeutung - schneller als die Vorfreude auf ein positives.
  • Negativitätsdominanz: Mischt man Positives und Negatives, fällt das Gesamturteil negativer aus, als die Summe der Teile erwarten ließe.
  • Negative Differenzierung: Negatives wird feiner unterschieden und aufwendiger verarbeitet - es gibt mehr Wörter für schlechte Gefühle als für gute.

Die gängige Erklärung ist evolutionär: Wer eine Gefahr übersah, hatte schlechtere Überlebenschancen als wer eine Gelegenheit übersah. Ein Wahrnehmungssystem, das auf Bedrohungen stärker reagiert, war über Jahrtausende ein Vorteil. In einer Umgebung, in der Bedrohungen selten und real waren, war das nützlich. In einer Umgebung, in der ein Feed pro Stunde hundert Bedrohungen aus aller Welt liefert, ist es ein Problem.

Was die Forschung zu Nachrichten zeigt

Zwei Studien haben den Negativity Bias speziell für Nachrichten belegt, und beide sind für das Verständnis von Doomscrolling zentral. Stuart Soroka, Patrick Fournier und Lilach Nir haben 2019 in 17 Ländern auf sechs Kontinenten Hautleitfähigkeit und Herzschlag von Menschen aufgezeichnet, während diese Nachrichtenbeiträge sahen. Im Durchschnitt reagierten die Teilnehmenden auf negative Beiträge körperlich stärker - über Kulturen hinweg. Der Effekt ist also nicht westlich und nicht anerzogen. Wichtig ist aber der Zusatz der Autoren: Der Durchschnitt verdeckt erhebliche Unterschiede zwischen Einzelnen. Nicht jeder Mensch reagiert stärker auf Negatives; ein nennenswerter Teil reagiert stärker auf Positives.

Claire Robertson und Kollegen haben 2023 in Nature Human Behaviour gezeigt, was das für die Klickökonomie bedeutet. Sie werteten über 12.000 Überschriften-Experimente der Plattform Upworthy aus, insgesamt 370 Millionen Einblendungen: Jedes zusätzliche negative Wort in einer Überschrift durchschnittlicher Länge erhöhte die Klickrate um etwa 2,3 Prozent, jedes positive Wort senkte sie um etwa ein Prozent. Der Negativity Bias ist damit nicht nur eine Eigenschaft des Lesers, sondern ein messbarer wirtschaftlicher Anreiz für den Schreiber.

Was das mit Doomscrolling zu tun hat

Der Negativity Bias ist die Zutat, ohne die Doomscrolling nicht funktionieren würde. Ein Feed, der nach Aufmerksamkeit sortiert, sortiert wegen des Negativity Bias automatisch nach Negativem, weil Negatives mehr Aufmerksamkeit bekommt. Redaktionen, die nach Klicks optimieren, formulieren aus demselben Grund negativer. Und der Leser, dessen Wahrnehmung auf Bedrohung geeicht ist, bleibt an genau diesen Inhalten hängen. Drei Systeme - Plattform, Redaktion, Leser - verstärken sich gegenseitig, und keines davon muss böse Absichten haben.

Für den Einzelnen bedeutet das: Das Gefühl, die Welt sei schlechter geworden, ist zum Teil ein Artefakt der Auswahl. Der Feed zeigt nicht die Welt, sondern den Teil der Welt, der den Negativity Bias am stärksten anspricht. Wer täglich Stunden in diesem Ausschnitt verbringt, hält ihn irgendwann für das Ganze - was die Forschung zu Doomscrolling und existenzieller Angst nahelegt, siehe Folgen von Doomscrolling.

Was sich daraus ableiten lässt

Den Negativity Bias kann man nicht abschalten, er ist Teil der Ausstattung. Aber man kann wissen, dass er da ist, und die Auswahl entsprechend korrigieren. Das heißt nicht, schlechte Nachrichten zu ignorieren. Es heißt, sich klarzumachen, dass ein Feed voller Katastrophen kein Abbild der Lage ist, sondern ein Abbild dessen, was Aufmerksamkeit erzeugt - und dass die Auswahl, was man liest, deshalb nicht dem Feed überlassen werden sollte.

Häufige Fragen

Reagieren alle Menschen stärker auf negative Nachrichten?

Nein. Die Studie von Soroka, Fournier und Nir zeigt einen klaren Durchschnittseffekt über 17 Länder, aber auch erhebliche Unterschiede zwischen Einzelnen. Ein nennenswerter Teil der Teilnehmenden reagierte stärker auf positive Nachrichten. Feeds und Redaktionen optimieren auf den Durchschnitt - und der reagiert auf Negatives.

Ist der Negativity Bias angeboren oder anerzogen?

Vermutlich vor allem angeboren. Dafür spricht, dass er sich über Kulturen hinweg zeigt, schon bei Säuglingen nachweisbar ist und evolutionär plausibel ist: Wer Gefahren übersah, überlebte seltener als wer Gelegenheiten übersah. Das schließt nicht aus, dass Erfahrung ihn verstärkt oder abschwächt.

Kann man den Negativity Bias abtrainieren?

Abschalten nicht, er gehört zur Grundausstattung. Was sich ändern lässt, ist der Umgang damit: zu wissen, dass ein Feed voller Katastrophen ein Produkt der Auswahl ist und kein Abbild der Lage, und die Auswahl der Quellen deshalb selbst zu treffen statt sie dem Algorithmus zu überlassen.

Quellen

  1. Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Finkenauer, C. & Vohs, K. D. (2001): Bad is Stronger than Good. Review of General Psychology, 5(4), 323-370.
  2. Rozin, P. & Royzman, E. B. (2001): Negativity Bias, Negativity Dominance, and Contagion. Personality and Social Psychology Review, 5(4), 296-320.
  3. Soroka, S., Fournier, P. & Nir, L. (2019): Cross-national evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news. PNAS, 116(38), 18888-18892.
  4. Robertson, C. E., Pröllochs, N., Schwarzenegger, K., Pärnamets, P., Van Bavel, J. J. & Feuerriegel, S. (2023): Negativity drives online news consumption. Nature Human Behaviour, 7, 812-822.

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