Doomscrolling
Folgen von Doomscrolling: Was die Forschung zeigt - und was nicht
Die Forschung zum Doomscrolling ist jung und besteht vor allem aus Befragungen. Trotzdem ist das Bild einheitlich: schlechtere Stimmung nach Minuten, mehr Belastung, schlechterer Schlaf, ein düsteres Menschenbild. Und vier Dinge, die die Daten nicht hergeben.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 7 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
- Ein Scoping Review von 2026 zählt 50 Studien, fast alle Querschnittsbefragungen. Die Befunde sind Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen.
- Kurzfristig ist der Effekt experimentell belegt: Zwei bis vier Minuten Krisennachrichten senken Stimmung und Optimismus messbar.
- In Befragungen hängt Doomscrolling mit Angst, Depressivität, Stress, geringerem Wohlbefinden, schlechterem Schlaf und existenzieller Angst zusammen.
- Was die Forschung nicht zeigt: Kausalität außerhalb der Kurzzeit-Experimente, eine Diagnose, große Effekte oder Übertragbarkeit über Studierendenstichproben hinaus.
Vorab: Was diese Studien können und was nicht
Die Forschung zum Doomscrolling ist jung. Ein Scoping Review von 2026 zählt 50 empirische Studien, fast alle aus den Jahren ab 2020, und stellt fest: Das Feld wird von Querschnittsbefragungen dominiert. Längsschnittstudien, Experimente und Interventionsstudien sind selten. Das hat eine Konsequenz, die über allem Folgenden steht: Die meisten Befunde sind Zusammenhänge, keine Ursachen. Wenn Doomscrolling mit Angst zusammenhängt, kann das heißen, dass Doomscrolling ängstlich macht - oder dass ängstliche Menschen mehr doomscrollen - oder beides. Vermutlich beides.
Mit dieser Einschränkung im Kopf ist das Bild trotzdem erstaunlich einheitlich. Hier ist es, sortiert nach Zeithorizont.
Kurzfristig: die Stimmung
Der am saubersten belegte Effekt ist der kleinste: Doomscrolling verdirbt die Stimmung, und zwar schnell. Kathryn Buchanan, Lara Aknin, Shaaba Lotun und Gillian Sandstrom haben das 2021 in zwei Experimenten mit insgesamt rund 900 Menschen gezeigt. Wer zwei bis vier Minuten Corona-Nachrichten sah, hatte danach eine messbar schlechtere positive Stimmung als eine Kontrollgruppe; in der zweiten Studie sank auch der Optimismus. Wer stattdessen Beiträge über Hilfsbereitschaft in der Pandemie sah, zeigte keine negativen Effekte. Die Effekte waren klein, aber es waren Experimente - hier ist die Kausalität, anders als bei Befragungen, tatsächlich belegt.
Mittelfristig: Belastung, Angst, Wohlbefinden
In Befragungen hängt Doomscrolling durchgängig mit psychischer Belastung zusammen. Der Scoping Review nennt Angst, Depressivität, Stress und geringeres Wohlbefinden als die am häufigsten gefundenen Zusammenhänge. Eine türkische Forschungsgruppe um Seydi Ahmet Satici hat in drei Studien mit insgesamt über 1.200 Teilnehmenden etwas Genaueres gezeigt: Der Zusammenhang zwischen Doomscrolling und Wohlbefinden - Lebenszufriedenheit, mentales Wohlbefinden, das Gefühl von Harmonie im Leben - läuft über die psychische Belastung. Wer doomscrollt, ist belasteter, und wer belasteter ist, ist weniger zufrieden.
Dieselbe Studie fand Zusammenhänge mit den Big-Five-Persönlichkeitsmerkmalen, mit problematischer Social-Media-Nutzung und mit der Angst, etwas zu verpassen. Der Scoping Review ergänzt: eine geringe Toleranz für Unsicherheit, emotionale Verletzlichkeit und schwache Selbstregulation. Das sind die Begleitfaktoren - Menschen mit diesen Eigenschaften doomscrollen häufiger, was für die Frage nach Ursache und Wirkung wichtig ist.
Das Weltbild: existenzielle Angst und Menschenbild
Eine Studie von Reza Shabahang und einem internationalen Team, 2024 veröffentlicht, hat eine andere Ebene untersucht: nicht die Stimmung, sondern die Sicht auf die Welt. Befragt wurden 620 Studierende im Iran und 180 in den USA. In beiden Gruppen hing Doomscrolling mit existenzieller Angst zusammen - der Sorge um Sinn, Tod und die eigene Stellung in der Welt. In der iranischen Stichprobe hing es zusätzlich mit einem pessimistischeren Bild vom Menschen zusammen, in der US-Stichprobe war dieser Zusammenhang nicht belastbar. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass die US-Gruppe für ihre Methode zu klein war und dass Studierende keine repräsentative Stichprobe sind.
Der Befund ist trotzdem bemerkenswert, weil er beschreibt, was ein Feed voller Katastrophen mit dem Bild vom Menschen macht: Wer täglich Beispiele für das Schlimmste sieht, hält das Schlimmste irgendwann für den Normalfall.
Der Schlaf
Schlaf ist die Folge, die am ehesten körperlich messbar ist. Eine Meta-Analyse von Yang Chen und Kollegen fasst 40 Studien mit über 34.000 Teilnehmenden zusammen: Problematische Social-Media-Nutzung hängt durchgängig mit schlechterer Schlafqualität zusammen, stärker bei Jüngeren. Warum das für Doomscrolling besonders gilt und über welche drei Wege es den Schlaf stört, steht im Text Doomscrolling vor dem Einschlafen.
Langfristig: der Kreislauf in Krisen
Die einzige Langzeitstudie in diesem Feld stammt nicht aus der Doomscrolling-Forschung im engeren Sinn, sondern aus der Katastrophenforschung. Rebecca Thompson, Nickolas Jones, Alison Holman und Roxane Cohen Silver begleiteten über 4.000 Menschen in den USA drei Jahre lang. Ihr Befund: Hoher Medienkonsum nach einem Gewaltereignis führte zu mehr Sorge vor künftigen Ereignissen, diese Sorge zu noch mehr Medienkonsum beim nächsten Ereignis, und der zu noch mehr Belastung. Ein Kreislauf, der sich über Jahre selbst verstärkt. Die Details stehen im Text Doomscrolling in Krisen.
Was die Forschung nicht zeigt
Genauso wichtig wie die Befunde ist, was sich aus ihnen nicht ableiten lässt. Vier Punkte:
- Keine gesicherte Kausalität. Außer in den kurzen Experimenten zur Stimmung ist nirgends belegt, dass Doomscrolling die Belastung verursacht. Die Daten passen genauso zu der Erklärung, dass belastete Menschen mehr doomscrollen.
- Keine Diagnose. Doomscrolling ist kein Krankheitsbild. Keine der zitierten Studien behauptet das, und keine Skala liefert einen Grenzwert, ab dem jemand „krank“ wäre.
- Kleine Effekte. Wo Effektstärken berichtet werden, sind sie meist klein. Doomscrolling ist ein Faktor unter vielen, nicht der Grund für eine Angststörung.
- Schmale Stichproben. Viele Studien befragen Studierende, oft in einem Land, oft überwiegend Frauen. Ob die Befunde auf einen 55-jährigen Handwerker in Bayern übertragbar sind, weiß niemand.
Das alles spricht nicht gegen die Befunde. Es spricht dafür, sie als das zu nehmen, was sie sind: ein konsistentes Muster aus jungen Daten, das ernst genug ist, um das eigene Verhalten zu überdenken, und zu dünn, um daraus Dramen zu machen.
Häufige Fragen
Macht Doomscrolling depressiv?
Das lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht sagen. Doomscrolling hängt in Befragungen mit depressiven Symptomen zusammen, aber diese Studien können nicht unterscheiden, ob das Scrollen die Symptome verursacht oder ob Menschen mit Symptomen mehr scrollen. Belegt ist nur der kurzfristige Effekt auf die Stimmung. Wer über längere Zeit niedergeschlagen ist, sollte das mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen - unabhängig vom Handy.
Wie groß sind die Effekte?
Meist klein. In den Experimenten von Buchanan und Kolleginnen lagen die Effektstärken im unteren Bereich, und auch die Befragungsstudien berichten moderate Zusammenhänge. Doomscrolling ist ein Faktor unter vielen. Bemerkenswert ist weniger die Größe der Effekte als ihre Konsistenz: Sie zeigen sich in fast allen Studien, in verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Methoden.
Gibt es auch positive Folgen von Doomscrolling?
Die Forschung findet kaum welche. Das Gefühl, informiert zu sein, ist real, aber die Daten zeigen, dass es sich nicht in tatsächlich besseres Wissen oder bessere Handlungsfähigkeit übersetzt. Die einzige belegte Ausnahme ist indirekt: Wer sich mit Beiträgen über Hilfsbereitschaft statt über Katastrophen beschäftigt, zeigt in Experimenten keine negativen und teilweise leicht positive Effekte.
Quellen
- Avcı, Vampa, Kreso, Homaei & Putra (2026): Emerging evidence on doomscrolling: A scoping review of empirical studies. Journal of Social Media Research, 3(2), 162-171.
- Buchanan, K., Aknin, L. B., Lotun, S. & Sandstrom, G. M. (2021): Brief exposure to social media during the COVID-19 pandemic: Doom-scrolling has negative emotional consequences, but kindness-scrolling does not. PLOS ONE, 16(10).
- Satici, S. A., Gocet Tekin, E., Deniz, M. E. & Satici, B. (2023): Doomscrolling Scale: its Association with Personality Traits, Psychological Distress, Social Media Use, and Wellbeing. Applied Research in Quality of Life, 18(2), 833-847.
- Shabahang, R. et al. (2024): Doomscrolling evokes existential anxiety and fosters pessimism about human nature? Evidence from Iran and the United States. Computers in Human Behavior Reports, 15.
- Chen, Y., Li, S., Tian, Y., Li, D. & Yin, H. (2024): Problematic Social Media Use may be Ruining Our Sleep: A Meta-Analysis on the Relationship Between Problematic Social Media Use and Sleep Quality. International Journal of Mental Health and Addiction, 24(1), 262-297.
- Thompson, R. R., Jones, N. M., Holman, E. A. & Silver, R. C. (2019): Media exposure to mass violence events can fuel a cycle of distress. Science Advances, 5(4).