Doomscrolling

Doomscrolling in Krisen: Krieg, Katastrophen, Wahlnächte

Kriege, Katastrophen, Anschläge, Wahlnächte: Krisen liefern die Unsicherheit, die das Scrollen antreibt. Was die Forschung über stundenlangen Krisenkonsum zeigt - und warum Zuschauer belasteter sein können als Betroffene.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 7 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Nach dem Boston-Anschlag 2013 berichteten Menschen mit sechs oder mehr Stunden täglicher Berichterstattung neunmal so häufig von starken Stresssymptomen - und waren belasteter als Menschen, die vor Ort waren.
  2. Eine Drei-Jahres-Studie mit über 4.000 Menschen zeigt einen Kreislauf: viel Berichterstattung, mehr Sorge, beim nächsten Ereignis noch mehr Berichterstattung, noch mehr Belastung.
  3. Schon zwei bis vier Minuten Krisennachrichten senken in Experimenten die Stimmung messbar.
  4. Wer betroffen ist, braucht Informationen. Doomscrolling ist das Verhalten der Zuschauer, die nichts tun können und trotzdem nicht wegsehen.

Krisen sind der Normalfall des Doomscrollings

Der Begriff Doomscrolling wurde in einer Krise groß: im Frühjahr 2020, als die Pandemie begann und Millionen Menschen zu Hause saßen, mit einem Smartphone und einem Feed voller Fallzahlen. Seitdem hat jede weitere Krise das Muster wiederholt - Kriege, Naturkatastrophen, Anschläge, Wahlnächte. Krisen sind nicht die Ausnahme, in der Doomscrolling auftritt. Sie sind sein natürlicher Lebensraum, weil sie genau die Zutat liefern, die das Scrollen antreibt: Unsicherheit ohne absehbares Ende.

Was passiert, wenn du eine Krise stundenlang verfolgst

Die aufschlussreichsten Daten dazu stammen aus den USA und wurden schon erhoben, bevor es das Wort Doomscrolling gab. Nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon 2013 befragten Alison Holman, Dana Rose Garfin und Roxane Cohen Silver 4.675 Erwachsene, zwei bis vier Wochen nach dem Ereignis. Menschen, die täglich sechs Stunden oder mehr Berichterstattung über den Anschlag konsumiert hatten, berichteten neunmal so häufig von starken akuten Stresssymptomen wie Menschen mit weniger als einer Stunde täglich. Und sie waren stärker belastet als diejenigen, die den Anschlag direkt vor Ort erlebt hatten.

Das ist der Befund, der die Krisenberichterstattung in ein anderes Licht rückt: Der Bildschirm kann in der Summe belastender sein als das Ereignis selbst. Nicht, weil die Bilder schlimmer wären als die Realität, sondern weil sie sich wiederholen, ohne dass du irgendetwas tun könntest. Wer vor Ort ist, handelt - rennt, hilft, ruft an. Wer zuschaut, schaut zu.

Der Kreislauf über Jahre

Dieselbe Forschungsgruppe hat später untersucht, was dieser Medienkonsum langfristig anrichtet. Rebecca Thompson, Nickolas Jones, Alison Holman und Roxane Cohen Silver begleiteten über 4.000 Menschen drei Jahre lang, von Boston 2013 bis zum Anschlag auf den Nachtclub Pulse in Orlando 2016. Das Ergebnis, 2019 in Science Advances veröffentlicht: Wer nach dem ersten Ereignis viel Berichterstattung konsumierte, sorgte sich danach stärker um künftige Gewaltereignisse. Diese Sorge führte dazu, dass er beim nächsten Ereignis noch mehr Berichterstattung konsumierte - und danach noch belasteter war. Ein Kreislauf, der sich selbst antreibt. Besonders anfällig waren Menschen, die vorher schon Gewalt erlebt hatten oder psychisch vorbelastet waren.

Wie schnell die Stimmung kippt

Man muss nicht sechs Stunden schauen, um einen Effekt zu messen. Kathryn Buchanan und Kolleginnen zeigten während der Pandemie rund 900 Menschen in Großbritannien entweder zwei bis vier Minuten Corona-Nachrichten, zwei bis vier Minuten Beiträge über Hilfsbereitschaft in der Pandemie oder gar nichts. Schon die wenigen Minuten Krisennachrichten senkten die positive Stimmung messbar, in der zweiten Studie auch den Optimismus. Die Beiträge über Hilfsbereitschaft hatten keine negativen Folgen. Die Effekte waren klein, aber sie traten nach einer Dosis auf, die die meisten Menschen als „nur kurz nachsehen“ beschreiben würden.

Warum Liveticker und Wahlnächte besonders sind

Es gibt Formate, die das Doomscrolling geradezu erzwingen. Der Liveticker ist eines davon. Er verspricht, dass jederzeit etwas Neues kommen kann, und macht das Aktualisieren zur einzigen Handlung, die dir zur Verfügung steht. Die Wahlnacht ist das andere: eine Situation mit garantierter Auflösung, die aber Stunden auf sich warten lässt, und mit einem Zahlenstrom, der sich alle paar Minuten ändert. In beiden Fällen ist das Verhalten rational begründbar - und trotzdem ist es Doomscrolling, sobald das Aktualisieren nichts mehr an deinem Wissensstand ändert, du aber nicht aufhören kannst.

Die Frage, die hilft, lautet: Ändert die nächste Information etwas daran, was ich heute Nacht tun werde? In einer Wahlnacht lautet die Antwort fast immer nein. Das Ergebnis steht am Morgen genauso fest wie um drei Uhr, nur dass du dann geschlafen hast.

Die Illusion der Vorbereitung

Beim Doomscrolling in Krisen spielt ein Gedanke eine große Rolle: Wer alles weiß, ist vorbereitet. Das stimmt für die eine Information, die dein Handeln betrifft - eine Evakuierungsanweisung, eine Unwetterwarnung für deinen Ort, eine Nachricht von Angehörigen. Es stimmt nicht für die neunzehn Updates danach, die dasselbe Ereignis aus neuen Blickwinkeln zeigen. Sie erhöhen nicht deine Handlungsfähigkeit, sondern nur deine Belastung. Die Boston-Daten zeigen genau das: Die am besten „Informierten“ waren die am stärksten Belasteten, ohne dass sie irgendetwas hätten tun können.

Betroffene und Zuschauer

Eine Unterscheidung fehlt in vielen Texten zum Thema: Menschen, die in einer Krise leben, brauchen Informationen. Wer in einem Kriegsgebiet ist, wer Angehörige dort hat, wer vom Hochwasser bedroht ist - für diese Menschen ist das Verfolgen der Lage keine Gewohnheit, sondern Notwendigkeit. Doomscrolling im Sinne dieser Seite beschreibt das Verhalten der Zuschauer: derjenigen, die nicht betroffen sind, nichts tun können und trotzdem nicht wegsehen. Der Reuters Digital News Report 2025 zeigt, wie viele Menschen in Deutschland diese Grenze spüren: 39 Prozent der Befragten nennen zu viel Berichterstattung über Krieg und Konflikte als Grund, Nachrichten zeitweise zu meiden.

Häufige Fragen

Ist es nicht verantwortungslos, in einer Krise nicht hinzusehen?

Hinsehen und Dauerkonsum sind zwei verschiedene Dinge. Informiert zu sein heißt, die Lage zu kennen und zu wissen, ob und wie sie dich betrifft. Dafür reichen ein oder zwei feste Zeitpunkte am Tag. Was darüber hinausgeht, verbessert weder dein Wissen noch deine Handlungsfähigkeit, sondern nach allem, was die Forschung zeigt, nur deine Belastung.

Warum kann Berichterstattung belastender sein als das Ereignis selbst?

Weil sie sich wiederholt, ohne dass du handeln kannst. Wer vor Ort ist, tut etwas: hilft, flieht, ruft an. Wer zuschaut, sieht dieselben Bilder in Schleife und bleibt passiv. Die Boston-Studie von Holman, Garfin und Silver zeigt genau dieses Muster: Die stärkste Belastung fand sich bei denen mit dem höchsten Medienkonsum, nicht bei den direkt Betroffenen.

Was ist mit Wahlnächten - da will ich doch das Ergebnis wissen?

Das Ergebnis steht am Morgen genauso fest wie um drei Uhr nachts. Die Frage ist, ob die Zwischenstände deinen Wissensstand verbessern oder nur deine Anspannung erhöhen. Wer eine Wahlnacht bewusst als Ereignis verfolgt, mit anderen Menschen und einer Endzeit, macht etwas anderes als jemand, der allein im Bett alle drei Minuten aktualisiert.

Quellen

  1. Holman, E. A., Garfin, D. R. & Silver, R. C. (2014): Media's role in broadcasting acute stress following the Boston Marathon bombings. PNAS, 111(1), 93-98.
  2. Thompson, R. R., Jones, N. M., Holman, E. A. & Silver, R. C. (2019): Media exposure to mass violence events can fuel a cycle of distress. Science Advances, 5(4).
  3. Buchanan, K., Aknin, L. B., Lotun, S. & Sandstrom, G. M. (2021): Brief exposure to social media during the COVID-19 pandemic: Doom-scrolling has negative emotional consequences, but kindness-scrolling does not. PLOS ONE, 16(10).
  4. Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut (2025): Reuters Institute Digital News Report 2025 - Ergebnisse für Deutschland.

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