Doomscrolling

Doomscrolling oder informiert bleiben: Wo die Grenze verläuft

„Ich will eben informiert sein“ - der häufigste Einwand gegen den Begriff Doomscrolling. Er ist berechtigt und falsch zugleich. Wo die Grenze verläuft, an welchen drei Fragen du sie erkennst und warum 71 Prozent der Deutschen inzwischen Nachrichten meiden.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Doomscrolling und Nachrichteninteresse sind laut Forschung zwei verschiedene Dinge. Die meisten Menschen, die viele Nachrichten lesen, doomscrollen nicht.
  2. Drei Fragen zeigen die Grenze: Lernst du noch etwas Neues? Könntest du jetzt aufhören? Wie geht es dir danach?
  3. Der Feed verwechselt Aktualität mit Verständnis. Hundert Updates ergeben keinen Hintergrundartikel.
  4. 71 Prozent der Menschen in Deutschland meiden zumindest gelegentlich aktiv Nachrichten - oft als Folge eines Konsums ohne Grenzen, nicht als sein Gegenteil.

Der falsche Gegensatz

Wer über Doomscrolling spricht, bekommt schnell einen Einwand zu hören: „Ich will eben informiert sein.“ Der Einwand ist berechtigt und falsch zugleich. Berechtigt, weil Informiertsein ein Wert ist - niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, die Welt verstehen zu wollen. Falsch, weil Doomscrolling und Informiertsein nicht dasselbe sind, auch wenn sie von außen gleich aussehen. Beide Male schaut jemand auf ein Handy und liest Nachrichten. Der Unterschied liegt nicht im Bild, sondern im Muster.

Was die Forschung unterscheidet

Als Bhakti Sharma, Susanna Lee und Benjamin Johnson 2022 die erste Skala zur Messung von Doomscrolling entwickelten, war eine ihrer zentralen Fragen genau diese: Ist Doomscrolling einfach ein anderes Wort für hohes Nachrichteninteresse? Ihre Antwort nach drei Studien: Nein. Doomscrolling ließ sich statistisch von allgemeinem Interesse an Nachrichten trennen. Es ist ein eigenes Konzept - und, wie die Autoren betonen, weniger verbreitet, als Medienberichte suggerieren. Die meisten Menschen, die viele Nachrichten lesen, doomscrollen nicht.

Was die Skala misst, ist nicht die Menge, sondern die Qualität des Verhaltens: die Unfähigkeit aufzuhören, die aktive Suche nach dem Negativen, der Verlust des Zeitgefühls. Ein Mensch kann täglich eine Stunde Nachrichten lesen, ohne einen einzigen dieser Punkte zu erfüllen. Ein anderer kann in zehn Minuten Liveticker alle drei erfüllen.

Drei Fragen, an denen du die Grenze erkennst

Übersetzt in den Alltag lassen sich aus der Forschung drei Fragen ableiten. Sie sind kein Test und ergeben keine Punktzahl, aber sie zeigen ziemlich zuverlässig, auf welcher Seite der Grenze du gerade bist.

  1. Lernst du noch etwas Neues? Informiertsein heißt, dass sich dein Wissensstand ändert. Wenn du seit zwanzig Minuten dieselbe Meldung in zwanzig Formulierungen liest, lernst du nichts mehr. Du wiederholst.
  2. Könntest du jetzt aufhören? Nicht: Willst du? Sondern: Könntest du das Handy in diesem Moment weglegen, ohne dass es dich Überwindung kostet? Wenn ja, bist du informiert. Wenn nein, doomscrollst du.
  3. Wie geht es dir danach? Nach guter Information fühlst du dich klarer, auch wenn die Nachricht schlecht war. Nach Doomscrolling fühlst du dich schlechter und weißt trotzdem nicht mehr als vorher.

Der Unterschied zwischen Update und Verständnis

Der Feed verwechselt zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben: Aktualität und Verständnis. Ein Update sagt dir, was in den letzten fünf Minuten passiert ist. Verständnis sagt dir, was das bedeutet. Das eine gibt es alle fünf Minuten, das andere braucht Zeit, Einordnung und in der Regel einen Text, der länger als drei Zeilen ist. Doomscrolling ist der Konsum von Updates in der Hoffnung, dass sich daraus irgendwann Verständnis ergibt. Das passiert nicht. Hundert Updates ergeben keinen Hintergrundartikel.

Wer informiert sein will, ist deshalb mit weniger, aber längeren Einheiten besser bedient als mit vielen kurzen. Eine Viertelstunde mit einem guten Text am Morgen informiert besser als vierzig Blicke auf den Feed über den Tag verteilt - und sie hat ein Ende.

Die Gegenbewegung: Nachrichten meiden

Es gibt eine zweite Grenze, auf der anderen Seite. Der Reuters Digital News Report 2025 zeigt für Deutschland einen Höchstwert: 71 Prozent der Befragten vermeiden zumindest gelegentlich aktiv Nachrichten, ein Jahr zuvor waren es 69 Prozent. Als Gründe nennen 48 Prozent die negative Wirkung auf ihre Stimmung, 39 Prozent zu viel Berichterstattung über Krieg und Konflikte, und 39 Prozent fühlen sich von der Menge an Nachrichten erschöpft.

Das ist die logische Reaktion auf einen Feed, der Doomscrolling begünstigt: Wenn Nachrichten nur noch als endloser Strom schlechter Meldungen erreichbar sind, ziehen Menschen den Stecker. Nachrichtenvermeidung ist kein Gegenteil von Doomscrolling, sondern oft seine Folge. Beide sind Reaktionen auf dasselbe Problem: einen Nachrichtenkonsum ohne Grenzen. Der Ausweg liegt nicht darin, zwischen Dauerkonsum und Totalverzicht zu wählen, sondern darin, dem Konsum wieder eine Form zu geben - eine Zeit, einen Ort, ein Ende.

Was informiert sein wirklich braucht

Die Antwort ist unspektakulär. Informiert zu sein braucht ein oder zwei feste Zeitpunkte am Tag, ein paar Quellen, deren Auswahl du selbst getroffen hast, und Formate, die einordnen statt nur zu melden. Es braucht keine Push-Nachrichten, keinen Liveticker und keinen Feed, der entscheidet, was du als Nächstes siehst. Was diese Seite dazu an Belegen zusammengetragen hat, steht im Bereich Was hilft.

Häufige Fragen

Ist es schlecht, Nachrichten zu meiden?

Gelegentliche Pausen sind eine gesunde Reaktion auf einen überfordernden Nachrichtenstrom, und die Mehrheit der Menschen in Deutschland macht sie inzwischen. Problematisch wird es, wenn aus der Pause ein dauerhafter Rückzug wird, weil dann auch die Informationen fehlen, die das eigene Leben betreffen. Die Alternative zu beidem ist ein Konsum mit Form: feste Zeiten, gewählte Quellen, ein Ende.

Wie viele Nachrichten am Tag sind sinnvoll?

Es gibt keine belegte Zahl. Was sich aus der Forschung ableiten lässt: Wenige längere Einheiten informieren besser als viele kurze, weil Einordnung Zeit braucht. Ein oder zwei feste Zeitpunkte am Tag mit selbst gewählten Quellen reichen für die allermeisten Menschen, um alles zu wissen, was ihr Handeln betrifft.

Was ist mit Menschen, die beruflich Nachrichten verfolgen müssen?

Für sie gelten die drei Fragen genauso, nur mit anderer Antwort. Wer beruflich einen Liveticker verfolgt, lernt dabei tatsächlich Neues und handelt damit - das ist Arbeit, nicht Doomscrolling. Die Grenze wird für diese Menschen nach Feierabend relevant, wenn der Ticker weiterläuft, obwohl niemand mehr etwas damit tut.

Quellen

  1. Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The Dark at the End of the Tunnel: Doomscrolling on Social Media Newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
  2. University of Florida News (2022): UF study finds 'doomscrolling' is a unique behavior.
  3. Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut (2025): Reuters Institute Digital News Report 2025 - Ergebnisse für Deutschland.
  4. Reuters Institute for the Study of Journalism (2025): Digital News Report 2025.

Hier endet die Seite.

Kein Weiterscrollen, keine Empfehlungsschleife.

Falls du doch weiterlesen willst - hier schließen drei Seiten an: