Doomscrolling
Doomscrolling messen: Die Doomscrolling Scale erklärt
2022 wurde aus dem Medienphänomen Doomscrolling ein messbares Konstrukt. Wie die Doomscrolling Scale aufgebaut ist, was sie über Männer, Jüngere und politische Lager gezeigt hat und warum sie sich nicht für Selbsttests eignet.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
- Die Doomscrolling Scale (Sharma, Lee & Johnson, 2022) besteht aus 15 Aussagen auf einer siebenstufigen Skala und misst ein einziges Konstrukt.
- Mit ihr wurde erstmals belegt: Doomscrolling ist von Nachrichteninteresse unterscheidbar, seltener als angenommen, bei Männern und Jüngeren häufiger und ohne politische Schlagseite.
- Es gibt Übersetzungen ins Türkische, Chinesische, Italienische und Polnische, aber keine mir bekannte geprüfte deutsche Fassung.
- Die Skala liefert keinen Grenzwert zwischen normal und problematisch. Deshalb gibt es auf dieser Seite keinen Selbsttest mit Punktzahl.
Warum man ein Medienphänomen misst
Bis 2022 war Doomscrolling ein Wort aus Zeitungsartikeln und Tweets. Jeder wusste ungefähr, was gemeint war, aber niemand konnte sagen, wie verbreitet es ist, wen es betrifft oder ob es sich überhaupt von gewöhnlichem Nachrichteninteresse unterscheidet. Für solche Fragen braucht die Psychologie ein Messinstrument: eine Skala, die das Verhalten in Zahlen fasst, die sich zwischen Menschen und Studien vergleichen lassen. Ohne Skala gibt es keine Forschung, nur Meinungen.
Die Doomscrolling Scale
Das erste solche Instrument haben Bhakti Sharma, Susanna Lee und Benjamin Johnson von der University of Florida entwickelt. Ihre Studie „The Dark at the End of the Tunnel: Doomscrolling on Social Media Newsfeeds“ erschien 2022 in der Fachzeitschrift Technology, Mind, and Behavior. In drei aufeinander aufbauenden Studien definierten sie das Konzept, entwickelten Aussagen, prüften, welche davon tatsächlich dasselbe messen, und untersuchten, wie sich die Skala zu anderen Merkmalen verhält.
Das Ergebnis ist eine Skala mit 15 Aussagen, die auf einer siebenstufigen Antwortskala von „stimme überhaupt nicht zu“ bis „stimme voll zu“ bewertet werden. Eine der Aussagen lautet sinngemäß: „Ich spüre den Drang, in sozialen Medien nach schlechten Nachrichten zu suchen, und er wird häufiger.“ Die übrigen Aussagen kreisen um dieselben drei Merkmale, die auch die Definition ausmachen: nicht aufhören können, aktiv nach Negativem suchen, das Zeitgefühl verlieren. Die Skala ist eindimensional - sie misst ein einziges Konstrukt, nicht mehrere Teilaspekte - und intern sehr konsistent (Cronbachs Alpha 0,96).
Wichtig ist, was die Skala nicht liefert: einen Grenzwert. Es gibt keinen Punktwert, ab dem jemand „Doomscroller“ wäre oder ab dem das Verhalten als problematisch gilt. Die Skala ordnet Menschen auf einem Kontinuum an, von sehr wenig bis sehr viel. Das ist für die Forschung sinnvoll und für Selbsttests ungeeignet - dazu unten mehr.
Was die Skala gezeigt hat
Mit dem Instrument ließen sich erstmals Fragen beantworten, über die vorher nur spekuliert wurde:
- Doomscrolling ist ein eigenes Konzept. Es lässt sich statistisch von allgemeinem Nachrichteninteresse und von der bloßen Social-Media-Nutzungsdauer trennen.
- Es ist seltener als gedacht. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass Doomscrolling nicht so verbreitet sei, wie manche Medienberichte nahelegen.
- Männer berichten häufiger davon als Frauen. Ein Befund, der das Forschungsteam selbst überraschte - Bhakti Sharma sagte dazu, sie habe nicht einmal erwartet, dass das Geschlecht überhaupt eine Rolle spielt.
- Jüngere häufiger als Ältere.
- Keine politische Schlagseite. Menschen mit linker und rechter Orientierung doomscrollen in gleichem Maß.
Übersetzungen und Kurzformen
Ein Messinstrument bewährt sich, wenn andere es übernehmen. Die Doomscrolling Scale wurde in kurzer Zeit in mehrere Sprachen übertragen und dabei jeweils neu geprüft:
| Sprache | Studie | Besonderheit |
|---|---|---|
| Türkisch | Satici u. a., 2023 | Drei Studien mit 378, 419 und 460 Teilnehmenden; zusätzlich eine Kurzform mit 4 Aussagen |
| Chinesisch | BMC Psychiatry, 2024 | 2.885 Studierende; Doomscrolling vermittelt zwischen Schlaflosigkeit und Depressivität |
| Italienisch | Current Psychology, 2025 | Zusammenhänge mit problematischer Social-Media-Nutzung und Belastung |
| Polnisch | 2026 | Validierung und Adaption |
Eine geprüfte deutsche Fassung der Skala ist mir bis heute nicht bekannt. Wer im deutschsprachigen Raum zu Doomscrolling forscht, arbeitet in der Regel mit einer eigenen Übersetzung oder mit dem englischen Original.
Die Grenzen der Skala
Die Doomscrolling Scale ist ein gutes Instrument, aber sie hat die Grenzen, die jede Selbstauskunftsskala hat. Sie misst, was Menschen über ihr Verhalten sagen, nicht das Verhalten selbst. Wer sein Scrollen unterschätzt - und das tun die meisten - bekommt einen zu niedrigen Wert. Sie wurde in den USA entwickelt, mit Menschen, die in den Pandemiejahren eine ganz bestimmte Nachrichtenlage erlebten. Und sie liefert, wie gesagt, keinen Grenzwert, der zwischen „normal“ und „problematisch“ unterscheidet, weil es diesen Grenzwert wissenschaftlich nicht gibt.
Warum es hier keinen Selbsttest gibt
Es wäre leicht, die 15 Aussagen zu übersetzen und daraus einen klickbaren Test zu machen, mit einer Punktzahl und einer Ampel am Ende. Viele Seiten tun genau das. Ich habe mich dagegen entschieden, aus drei Gründen. Erstens ist die Skala ein Forschungsinstrument, dessen Verwendung den Autoren gehört; wer sie nachbaut, sollte das mit deren Erlaubnis tun. Zweitens tut ein Test mit Punktzahl so, als gäbe es einen Grenzwert - und den gibt es nicht. Drittens ist eine Ampel, die auf Rot steht, keine Information, sondern ein Urteil, und dieses Urteil sollte niemand von einer Website bekommen. Wenn du wissen willst, ob du doomscrollst, reichen die drei Fragen aus dem Text Doomscrolling oder informiert bleiben. Sie haben keine Punktzahl, aber sie sind ehrlich.
Häufige Fragen
Kann ich die Doomscrolling Scale selbst ausfüllen?
Die Aussagen sind in der Originalstudie veröffentlicht und im Netz an verschiedenen Stellen zu finden. Du kannst sie ausfüllen, bekommst aber nur einen Wert auf einem Kontinuum ohne Grenzwert. Der Wert sagt dir, ob du im Vergleich zu anderen eher viel oder wenig doomscrollst - nicht, ob das ein Problem ist. Für diese Frage sind die drei Alltagsfragen aus dem Text zum Informiertbleiben aussagekräftiger.
Gibt es eine deutsche Version der Skala?
Eine wissenschaftlich geprüfte deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt. Es gibt geprüfte Fassungen auf Türkisch, Chinesisch, Italienisch und Polnisch. Deutschsprachige Studien arbeiten in der Regel mit eigenen Übersetzungen des englischen Originals. Falls eine validierte deutsche Fassung erscheint, wird dieser Text aktualisiert.
Wie unterscheidet sich die Skala von Tests zur Handysucht?
Skalen zur problematischen Smartphone- oder Social-Media-Nutzung messen den Kontrollverlust über das Gerät oder die Plattform insgesamt. Die Doomscrolling Scale misst etwas Engeres: den Drang, gezielt nach negativen Nachrichten zu suchen und nicht davon loszukommen. Beide hängen zusammen, aber man kann viel am Handy sein, ohne zu doomscrollen - und doomscrollen, ohne insgesamt viel am Handy zu sein.
Quellen
- Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The Dark at the End of the Tunnel: Doomscrolling on Social Media Newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
- University of Florida News (2022): UF study finds 'doomscrolling' is a unique behavior.
- Satici, S. A., Gocet Tekin, E., Deniz, M. E. & Satici, B. (2023): Doomscrolling Scale: its Association with Personality Traits, Psychological Distress, Social Media Use, and Wellbeing. Applied Research in Quality of Life, 18(2), 833-847.
- Reliability and validity of the Chinese version of the doomscrolling scale and the mediating role of doomscrolling in the bidirectional relationship between insomnia and depression. BMC Psychiatry (2024).
- Psychometric analysis of the Italian Doomscrolling Scale: Associations with problematic social media use, psychological distress, and mental well-being. Current Psychology (2025).
- Validation and Polish Adaptation of the Doomscrolling Scale (2026).