Doomscrolling
Doomscrolling: Was es ist, warum du nicht aufhören kannst und was die Forschung weiß
Doomscrolling heißt: durch schlechte Nachrichten scrollen, obwohl es dir nicht guttut - und trotzdem nicht aufhören. Was dahintersteckt, was die Forschung weiß und wo die Grenze zum normalen Informiertsein liegt.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 8 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
- Doomscrolling ist das anhaltende, schwer zu unterbrechende Scrollen durch negative Nachrichten - nicht jedes lange Nachrichtenlesen.
- Der Begriff tauchte 2018 auf Twitter auf, wurde 2020 durch die Journalistin Karen Ho bekannt und steht seit 2023 im Merriam-Webster.
- Die Forschung findet Zusammenhänge mit schlechterer Stimmung, psychischer Belastung und Schlafproblemen - meist aus Querschnittsstudien, also ohne Kausalitätsnachweis.
- Doomscrolling ist ein Verhaltensmuster, keine Diagnose. Männer und Jüngere berichten häufiger davon; politische Lager unterscheiden sich nicht.
Was Doomscrolling bedeutet
Doomscrolling beschreibt ein bestimmtes Verhalten: Du scrollst durch einen Nachrichtenfeed oder eine Social-Media-Timeline, bleibst dabei vor allem an schlechten Nachrichten hängen - Krisen, Katastrophen, Konflikte - und machst weiter, obwohl du merkst, dass es dir nicht guttut. Das Wort setzt sich aus dem englischen doom (Verhängnis, Untergang) und scrolling zusammen. Eine eingeführte deutsche Übersetzung gibt es nicht; gelegentlich liest man „Katastrophen-Scrollen“, im Alltag hat sich das englische Wort durchgesetzt.
Die Forschung fasst den Begriff enger als der Alltag. Die erste wissenschaftliche Definition stammt von Bhakti Sharma, Susanna Lee und Benjamin Johnson von der University of Florida. Sie beschreiben Doomscrolling 2022 als eine eigenständige Mediengewohnheit, bei der Nutzerinnen und Nutzer in ihren Feeds anhaltend negativen Informationen über Krisen, Katastrophen und Tragödien Aufmerksamkeit schenken. Entscheidend sind drei Merkmale: Es geht um negative Inhalte, es passiert anhaltend und es lässt sich schwer unterbrechen.
Nicht jedes lange Nachrichtenlesen ist deshalb Doomscrolling. Wer sich eine halbe Stunde lang gezielt über ein Thema informiert und dann das Handy weglegt, macht etwas anderes als jemand, der um Mitternacht zum zwanzigsten Mal den Liveticker aktualisiert. Wo genau die Grenze verläuft, ist eine eigene Frage - dazu gibt es auf dieser Seite einen eigenen Text.
Woher der Begriff kommt
Das Wort ist älter als die Pandemie, aber die Pandemie hat es groß gemacht. Die früheste bekannte Verwendung stammt laut Merriam-Webster aus dem Oktober 2018, in einem Tweet. Bekannt wurde der Begriff im Frühjahr 2020: Die Finanzjournalistin Karen Ho, damals bei Quartz, begann, abends auf Twitter regelmäßig daran zu erinnern, das Doomscrolling zu beenden und schlafen zu gehen. Ihre Posts erschienen meist zwischen 23 und 1 Uhr nachts und fanden ein großes Publikum. Merriam-Webster nahm das Wort noch 2020 in seine Liste der beobachteten Begriffe auf, das australische Macquarie Dictionary kürte es zum Wort des Jahres 2020, und im September 2023 bekam „doomscroll“ einen offiziellen Eintrag im Merriam-Webster-Wörterbuch.
Parallel existiert der Begriff Doomsurfing: dasselbe Verhalten, aber nicht im Feed, sondern beim gezielten Weiterklicken von Artikel zu Artikel, von Suchergebnis zu Suchergebnis. In der Praxis gehen beide ineinander über.
Woran du Doomscrolling erkennst
Die Merkmale, die in der Forschung gemessen werden, lassen sich in drei Fragen übersetzen:
- Kannst du aufhören? Beim Doomscrolling nimmst du dir vor, das Handy wegzulegen, und tust es nicht. Oft mehrfach hintereinander.
- Suchst du aktiv nach dem Schlechten? Du bleibst nicht zufällig an Krisenmeldungen hängen, sondern steuerst sie an: den nächsten Ticker, den nächsten Thread, das nächste Update.
- Verlierst du das Zeitgefühl? Aus „kurz nachsehen“ werden vierzig Minuten, und danach fühlst du dich schlechter als davor - nicht besser informiert.
Auffällig ist, was die Forschung nicht gefunden hat. Sharma, Lee und Johnson schreiben in ihrer Studie, dass Doomscrolling zwar ein eigenständiges Konzept sei, aber nicht so verbreitet, wie manche Medienberichte nahelegen. Es ist ein reales Muster, kein Massenphänomen, das jeden betrifft, der ein Smartphone besitzt.
Warum du nicht aufhören kannst
Dass Doomscrolling schwer zu unterbrechen ist, liegt an drei Dingen, die zusammenkommen. Erstens an dir: In unsicheren Situationen sucht der Mensch nach Informationen, weil Informationen das Gefühl von Kontrolle versprechen. Zweitens an den Nachrichten: Menschen reagieren im Durchschnitt stärker auf negative als auf positive Inhalte - körperlich messbar, wie Stuart Soroka und Kollegen in 17 Ländern gezeigt haben. Drittens an der Technik: Ein Feed hat kein Ende. Benjamin Johnson bringt es auf den Punkt: Es sei die Kombination aus dem Leben in einer Krise und einem Smartphone mit einem Newsfeed, der nie aufhört.
Der Feed liefert dir dabei nie das, wonach du eigentlich suchst - nämlich die Auflösung, das Gefühl, jetzt genug zu wissen. Er liefert immer nur das nächste Fragment. Das ist kein Zufall, sondern Design. Wie diese Mechanik im Detail funktioniert, steht im Text Warum du nicht aufhören kannst.
Was die Forschung über die Folgen weiß
Die Forschung zum Doomscrolling ist jung. Die meisten Studien stammen aus den Jahren ab 2020, und die meisten sind Querschnittsbefragungen. Sie können Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursachen beweisen. Mit dieser Einschränkung ist das Bild trotzdem ziemlich einheitlich:
- Schon zwei bis vier Minuten Krisennachrichten senken in Experimenten die Stimmung messbar - so das Ergebnis von Kathryn Buchanan und Kolleginnen mit rund 900 Teilnehmenden in Großbritannien.
- Doomscrolling hängt in Befragungen mit psychischer Belastung, Angst und geringerem Wohlbefinden zusammen. Eine türkische Forschungsgruppe um Seydi Ahmet Satici fand, dass die Belastung den Zusammenhang zwischen Doomscrolling und Lebenszufriedenheit erklärt.
- Eine Studie mit Studierenden im Iran und in den USA verband Doomscrolling mit existenzieller Angst und einem pessimistischeren Bild vom Menschen.
- Wer nach Anschlägen viele Stunden täglich Berichterstattung konsumierte, zeigte in US-Studien mehr akute Stresssymptome als Menschen, die direkt vor Ort waren - und geriet über Jahre in einen Kreislauf aus Sorge und Medienkonsum.
Eine ausführliche Einordnung, inklusive dessen, was die Forschung nicht zeigt, findest du unter Folgen von Doomscrolling.
Wer besonders betroffen ist
Die Daten von Sharma, Lee und Johnson zeigen zwei Muster, die das Forschungsteam selbst überrascht haben: Männer berichten häufiger von Doomscrolling als Frauen, und jüngere Menschen häufiger als ältere. Keinen Unterschied gab es dagegen zwischen politischen Lagern - links wie rechts scrollt gleich viel. Andere Studien nennen als Begleitfaktoren die Angst, etwas zu verpassen (FOMO), eine geringe Toleranz für Unsicherheit und eine schwächere Selbstregulation. Das sind statistische Zusammenhänge, keine Schicksale.
Doomscrolling ist keine Diagnose
So klar der Begriff klingt: Doomscrolling ist kein klinischer Begriff, kein Krankheitsbild und kein Suchtkriterium. Die Forschung verwendet Wörter wie „Sucht“ in diesem Zusammenhang zurückhaltend, und diese Seite tut das auch. Was es gibt, ist ein Verhaltensmuster, das sich beschreiben und messen lässt - mit der Doomscrolling Scale - und das mit Belastung zusammenhängt. Wenn dich dein Nachrichtenkonsum oder das, was du dabei liest, stark belastet, ist das ein Grund, mit jemandem zu sprechen. Diese Seite ersetzt das nicht.
Die Facetten im Einzelnen
Der Leitartikel gibt den Überblick. Die folgenden Texte vertiefen je einen Aspekt.
Warum du beim Doomscrolling nicht aufhören kannst
Du willst aufhören und scrollst weiter. Das liegt nicht an Willensschwäche, sondern an vier Faktoren, die gleichzeitig wirken - und an einem Feed, der genau darauf gebaut ist.
7 Min. Lesezeit
Doomscrolling vor dem Einschlafen: Warum es abends am schlimmsten ist
Der Abend ist die Stunde des Doomscrollings: Der Tag ist vorbei, die Selbstkontrolle erschöpft, das Handy liegt neben dem Bett. Was das mit dem Schlaf macht - und warum sich beides gegenseitig verstärkt.
6 Min. Lesezeit
Doomscrolling in Krisen: Krieg, Katastrophen, Wahlnächte
Kriege, Katastrophen, Anschläge, Wahlnächte: Krisen liefern die Unsicherheit, die das Scrollen antreibt. Was die Forschung über stundenlangen Krisenkonsum zeigt - und warum Zuschauer belasteter sein können als Betroffene.
7 Min. Lesezeit
Doomscrolling bei Jugendlichen: Zahlen, Ursachen, Einordnung
Jugendliche begegnen Krisen nicht in der Tagesschau, sondern zwischen zwei Videos im Feed. Was die JIM-Studie 2025 über ihre Nutzung zeigt, warum Jüngere häufiger doomscrollen - und warum das kein Grund für Verbote ist.
6 Min. Lesezeit
Doomscrolling oder informiert bleiben: Wo die Grenze verläuft
„Ich will eben informiert sein“ - der häufigste Einwand gegen den Begriff Doomscrolling. Er ist berechtigt und falsch zugleich. Wo die Grenze verläuft, an welchen drei Fragen du sie erkennst und warum 71 Prozent der Deutschen inzwischen Nachrichten meiden.
6 Min. Lesezeit
Folgen von Doomscrolling: Was die Forschung zeigt - und was nicht
Die Forschung zum Doomscrolling ist jung und besteht vor allem aus Befragungen. Trotzdem ist das Bild einheitlich: schlechtere Stimmung nach Minuten, mehr Belastung, schlechterer Schlaf, ein düsteres Menschenbild. Und vier Dinge, die die Daten nicht hergeben.
7 Min. Lesezeit
Doomscrolling messen: Die Doomscrolling Scale erklärt
2022 wurde aus dem Medienphänomen Doomscrolling ein messbares Konstrukt. Wie die Doomscrolling Scale aufgebaut ist, was sie über Männer, Jüngere und politische Lager gezeigt hat und warum sie sich nicht für Selbsttests eignet.
6 Min. Lesezeit
Häufige Fragen
Ist Doomscrolling eine Sucht?
Nein, jedenfalls nicht im medizinischen Sinn. Doomscrolling ist kein anerkanntes Krankheitsbild und taucht in keinem Diagnosekatalog auf. Die Forschung beschreibt es als Verhaltensmuster, das mit Belastung zusammenhängt. Einzelne Studien finden Überschneidungen mit problematischer Social-Media-Nutzung, aber das macht es nicht zur Sucht.
Was ist der Unterschied zwischen Doomscrolling und Doomsurfing?
Doomscrolling passiert im Feed: Du scrollst durch eine Timeline und bleibst an schlechten Nachrichten hängen. Doomsurfing ist das gezielte Weiterklicken von Artikel zu Artikel oder Suchergebnis zu Suchergebnis. Merriam-Webster führt beide Begriffe nebeneinander; im Alltag gehen sie ineinander über.
Wie viel Nachrichtenkonsum ist zu viel?
Dafür gibt es keine Minutenzahl. Die Forschung misst Doomscrolling nicht über die Dauer, sondern über das Muster: ob du aufhören kannst, ob du aktiv nach Negativem suchst und ob du dich danach schlechter fühlst. Eine Stunde gezielte Lektüre kann in Ordnung sein, zehn Minuten Ticker-Aktualisieren um Mitternacht nicht.
Ist Doomscrolling gefährlich?
Die Forschung zeigt Zusammenhänge mit schlechterer Stimmung, Angst, psychischer Belastung und schlechterem Schlaf. Die Effekte sind in Experimenten meist klein, aber schon nach wenigen Minuten messbar. Ob Doomscrolling diese Probleme verursacht oder ob belastete Menschen eher doomscrollen, ist mit den bisherigen Daten nicht sicher zu entscheiden - vermutlich gilt beides.
Was hilft gegen Doomscrolling?
Weniger, als die meisten Ratgeber versprechen. Einfache Pop-up-Erinnerungen verlieren in Feldstudien schnell ihre Wirkung, weil sie sich wegklicken lassen. Aussichtsreicher sind Ansätze, die den Auslöser entfernen, statt den Impuls zu bremsen: feste Nachrichtenzeiten, ein aufgeräumter Feed, das Handy nicht am Nachttisch. Eine Übersicht mit Quellen gibt es im Bereich Was hilft.
Quellen
- Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The Dark at the End of the Tunnel: Doomscrolling on Social Media Newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
- Merriam-Webster: Doomsurfing and Doomscrolling (Words We're Watching).
- University of Florida News (2022): UF study finds 'doomscrolling' is a unique behavior.
- Buchanan, K., Aknin, L. B., Lotun, S. & Sandstrom, G. M. (2021): Brief exposure to social media during the COVID-19 pandemic: Doom-scrolling has negative emotional consequences, but kindness-scrolling does not. PLOS ONE, 16(10).
- Satici, S. A., Gocet Tekin, E., Deniz, M. E. & Satici, B. (2023): Doomscrolling Scale: its Association with Personality Traits, Psychological Distress, Social Media Use, and Wellbeing. Applied Research in Quality of Life, 18(2), 833-847.
- Shabahang, R. et al. (2024): Doomscrolling evokes existential anxiety and fosters pessimism about human nature? Evidence from Iran and the United States. Computers in Human Behavior Reports, 15.
- Soroka, S., Fournier, P. & Nir, L. (2019): Cross-national evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news. PNAS, 116(38), 18888-18892.
- Thompson, R. R., Jones, N. M., Holman, E. A. & Silver, R. C. (2019): Media exposure to mass violence events can fuel a cycle of distress. Science Advances, 5(4).
- Avcı, Vampa, Kreso, Homaei & Putra (2026): Emerging evidence on doomscrolling: A scoping review of empirical studies. Journal of Social Media Research, 3(2), 162-171.