Doomscrolling

Doomscrolling bei Jugendlichen: Zahlen, Ursachen, Einordnung

Jugendliche begegnen Krisen nicht in der Tagesschau, sondern zwischen zwei Videos im Feed. Was die JIM-Studie 2025 über ihre Nutzung zeigt, warum Jüngere häufiger doomscrollen - und warum das kein Grund für Verbote ist.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Laut JIM-Studie 2025 nutzen 12- bis 19-Jährige ihr Smartphone im Schnitt 3 Stunden 51 Minuten täglich; 68 Prozent verbringen mehr Zeit damit als beabsichtigt, 30 Prozent sind morgens müde wegen des Handys.
  2. Nachrichten erreichen Jugendliche im Feed, ohne Anfang und Ende: Ein Drittel folgt Influencern, die aktuelle Ereignisse erklären; die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen nutzt Social Media regelmäßig als Nachrichtenquelle.
  3. Jüngere doomscrollen häufiger als Ältere - wegen mehr Gelegenheit, stärkerer FOMO, noch im Aufbau befindlicher Selbstregulation und Krisen, die ihre eigene Zukunft betreffen.
  4. Daraus folgt kein Suchtbefund und kein Verbot. Das Problem ist die Stunde am Abend im Feed, nicht das Gerät.

Die Zahlen aus Deutschland

Wer wissen will, wie Jugendliche in Deutschland Medien nutzen, kommt an der JIM-Studie nicht vorbei. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest befragt dafür jedes Jahr 1.200 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren. Die Ausgabe 2025 zeichnet ein klares Bild:

  • 98 Prozent besitzen ein eigenes Smartphone, 89 Prozent sind täglich online.
  • Die tägliche Smartphone-Nutzung liegt im Schnitt bei 3 Stunden und 51 Minuten. Bei den 12- bis 13-Jährigen sind es 2 Stunden 46 Minuten, bei den 18- bis 19-Jährigen mehr als viereinhalb Stunden.
  • 68 Prozent sagen, dass sie mehr Zeit am Handy verbringen, als sie eigentlich wollten.
  • 30 Prozent sind morgens müde, weil sie abends zu lange am Handy waren. 44 Prozent lassen sich regelmäßig bei den Hausaufgaben ablenken.
  • Zwei Drittel sind im Monat vor der Befragung auf Falschnachrichten gestoßen. Nur 17 Prozent hatten gar keine belastenden Online-Erfahrungen - ein Jahr zuvor waren es noch 23 Prozent.

Zwei dieser Zahlen sind für das Doomscrolling zentral: die 68 Prozent, die mehr Zeit verbringen als beabsichtigt, und die 30 Prozent, die morgens müde sind. Das ist genau das Muster, das die Forschung als problematische Nutzung beschreibt - nicht die Dauer an sich, sondern der Kontrollverlust darüber.

Wo Jugendliche Nachrichten sehen

Jugendliche lesen keine Zeitung und schalten keine Nachrichtensendung ein. Sie begegnen Nachrichten dort, wo sie ohnehin sind: im Feed. Laut JIM-Studie folgt etwa ein Drittel der Jugendlichen Influencerinnen und Influencern, die aktuelle Ereignisse erklären - Krieg, Klimawandel, Politik. Der Reuters Digital News Report 2025 zeigt für die etwas Älteren dasselbe: Die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen in Deutschland nutzt soziale Medien regelmäßig als Nachrichtenquelle.

Das hat eine Konsequenz, die oft übersehen wird. Wer Nachrichten in der Tagesschau sieht, sieht sie um 20 Uhr, 15 Minuten lang, mit einem Ende. Wer Nachrichten im Feed sieht, sieht sie zwischen einem Tanzvideo und einer Nachricht aus der Klassengruppe, ohne Vorwarnung, ohne Einordnung und ohne Ende. Die Krise erscheint nicht als Sendung, sondern als Dauerzustand, der jederzeit in den Feed einbrechen kann. Für Doomscrolling ist das die ideale Umgebung.

Warum Jüngere häufiger doomscrollen

Dass jüngere Menschen häufiger doomscrollen als ältere, gehört zu den stabilen Befunden der Forschung. Bhakti Sharma, Susanna Lee und Benjamin Johnson fanden es in ihren Studien zur Doomscrolling Scale, und die Meta-Analyse von Yang Chen und Kollegen zum Schlaf zeigt, dass der Zusammenhang zwischen problematischer Nutzung und schlechterem Schlaf bei Jüngeren stärker ist. Dafür gibt es mehrere Erklärungen, die sich nicht ausschließen:

  • Die Feeds sind ihre Umgebung. Wer fast vier Stunden am Tag am Smartphone verbringt, hat schlicht mehr Gelegenheit.
  • Die Angst, etwas zu verpassen, ist größer. FOMO gehört zu den Begleitfaktoren, die die Forschung am häufigsten mit Doomscrolling verbindet - und sie ist in einem Alter, in dem die Gruppe alles ist, besonders ausgeprägt.
  • Die Selbstregulation ist noch im Aufbau. Die Fähigkeit, einen Impuls aufzuschieben, entwickelt sich bis ins junge Erwachsenenalter. Ein Feed, der auf genau diesen Impuls optimiert ist, trifft auf ein System, das noch nicht fertig ist.
  • Die Krisen betreffen ihre Zukunft. Klimawandel, Krieg, wirtschaftliche Unsicherheit - das sind keine abstrakten Themen für Menschen, die noch sechzig Jahre vor sich haben.

Was das nicht bedeutet

Aus diesen Zahlen folgt nicht, dass eine Generation süchtig oder verloren wäre. Die JIM-Studie zeigt auch: Jugendliche nutzen ihre Geräte für Freundschaften, Musik, Lernen, Spiele. Die 68 Prozent, die mehr Zeit verbringen als beabsichtigt, wissen das offenbar selbst - sonst würden sie es nicht angeben. Das Bewusstsein für das Problem ist da. Was fehlt, ist oft nur eine Umgebung, die es leichter macht aufzuhören.

Und es folgt nicht, dass Verbote die Lösung wären. Wer einem 16-Jährigen das Handy wegnimmt, entfernt nicht die Krise aus seiner Welt, sondern nur seinen Zugang zu Freunden, mit denen er darüber reden könnte.

Was Eltern und Lehrkräfte wissen sollten

Diese Seite ist kein Erziehungsratgeber, aber ein paar Dinge ergeben sich aus der Forschung direkt. Erstens: Das Problem ist nicht das Gerät, sondern der Feed - genauer die Stunde am Abend, in der er zum Doomscrollen einlädt. Zweitens: Jugendliche unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht grundsätzlich von Erwachsenen. Wer als Elternteil selbst um Mitternacht den Liveticker liest, hat schlechte Karten in der Diskussion. Drittens: Die wirksamste Gegenmaßnahme gegen Krisenangst ist nicht Informationsverzicht, sondern Gespräch. Ein Jugendlicher, der mit jemandem über das reden kann, was er im Feed gesehen hat, muss es nicht allein im Bett verarbeiten. Und viertens: Wenn ein junger Mensch durch das, was er online sieht, ernsthaft belastet ist, gehört das in ein Gespräch mit Menschen, die dafür ausgebildet sind - nicht in einen Ratgebertext.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter ist Doomscrolling ein Thema?

Sobald ein Jugendlicher einen Feed mit Nachrichteninhalten nutzt, also praktisch ab dem eigenen Smartphone. Die JIM-Studie zeigt, dass schon 12- bis 13-Jährige fast drei Stunden täglich am Smartphone sind. Entscheidend ist weniger das Alter als die Frage, ob Nachrichten dort im Feed ungefiltert und ohne Einordnung ankommen.

Sollte man Jugendlichen Nachrichten in sozialen Medien verbieten?

Verbote entfernen die Krise nicht aus der Welt eines Jugendlichen, sondern nur seinen Zugang zu Freunden, mit denen er darüber reden könnte. Sinnvoller ist, gemeinsam die Quellen anzusehen, denen er folgt, feste handyfreie Zeiten am Abend zu vereinbaren - für alle im Haushalt - und über das zu sprechen, was im Feed auftaucht.

Woran erkenne ich, dass mein Kind doomscrollt?

An denselben Merkmalen wie bei Erwachsenen: Es kann nicht aufhören, obwohl es das will; es sucht aktiv nach Nachrichten über Krisen; es ist danach schlechter gelaunt oder ängstlicher, nicht besser informiert; es ist morgens müde. Eine hohe Nutzungsdauer allein ist kein Kriterium - vier Stunden Chatten mit Freunden sind etwas anderes als eine Stunde Kriegsvideos im Bett.

Quellen

  1. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2025): JIM-Studie 2025. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger.
  2. Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut (2025): Reuters Institute Digital News Report 2025 - Ergebnisse für Deutschland.
  3. University of Florida News (2022): UF study finds 'doomscrolling' is a unique behavior.
  4. Chen, Y., Li, S., Tian, Y., Li, D. & Yin, H. (2024): Problematic Social Media Use may be Ruining Our Sleep: A Meta-Analysis on the Relationship Between Problematic Social Media Use and Sleep Quality. International Journal of Mental Health and Addiction, 24(1), 262-297.
  5. Avcı, Vampa, Kreso, Homaei & Putra (2026): Emerging evidence on doomscrolling: A scoping review of empirical studies. Journal of Social Media Research, 3(2), 162-171.

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