Doomscrolling

Doomscrolling vor dem Einschlafen: Warum es abends am schlimmsten ist

Der Abend ist die Stunde des Doomscrollings: Der Tag ist vorbei, die Selbstkontrolle erschöpft, das Handy liegt neben dem Bett. Was das mit dem Schlaf macht - und warum sich beides gegenseitig verstärkt.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Doomscrolling passiert vor allem abends: Der Tag ist vorbei, die Selbstkontrolle erschöpft, Sorgen werden nachts größer.
  2. Problematische Social-Media-Nutzung hängt in einer Meta-Analyse mit 40 Studien und über 34.000 Teilnehmenden durchgängig mit schlechterer Schlafqualität zusammen - stärker bei Jüngeren.
  3. Drei Mechanismen wirken gleichzeitig: verdrängte Schlafzeit, Aktivierung durch belastende Inhalte und Bildschirmlicht - wobei Zeit und Inhalt vermutlich schwerer wiegen als das Licht.
  4. Schlechter Schlaf und Doomscrolling verstärken sich gegenseitig. Deshalb unterbricht ein einzelner Vorsatz den Kreislauf selten.

Warum ausgerechnet abends

Es ist kein Zufall, dass Karen Ho ihre Erinnerungen an das Ende des Doomscrollings zwischen 23 und 1 Uhr nachts postete. Der Abend ist die Stunde des Doomscrollings, und zwar aus drei Gründen, die zusammenkommen.

Erstens ist der Tag vorbei. Was tagsüber an Aufgaben, Gesprächen und Terminen deine Aufmerksamkeit gebunden hat, fällt weg. Das Bett ist für viele Menschen der erste Moment des Tages, in dem niemand etwas von ihnen will - und das Handy liegt in Reichweite. Zweitens ist die Selbstkontrolle abends erschöpft. Alles, was du dir tagsüber verkniffen hast, wird abends leichter. Drittens ist die Nacht die Zeit, in der Sorgen größer werden. Wer wach liegt und grübelt, greift zum Handy, um sich abzulenken - und landet in einem Feed, der die Sorgen bestätigt.

Was das Handy im Bett mit dem Schlaf macht

Der Zusammenhang zwischen Handynutzung im Bett und schlechterem Schlaf gehört zu den am besten untersuchten Effekten in diesem Themenfeld. Eine Meta-Analyse von Yang Chen und Kollegen aus dem Jahr 2024 fasst 40 Studien mit über 34.000 Teilnehmenden zusammen: Problematische Social-Media-Nutzung hängt durchgängig mit schlechterer Schlafqualität zusammen, und der Zusammenhang ist bei jüngeren Menschen stärker als bei älteren. Ein Überblick über zehn systematische Reviews, veröffentlicht 2025, kommt zu einem ähnlichen Bild: Der Effekt ist konsistent, aber klein - und deutlich stärker, wenn die Nutzung problematisch ist, also schwer zu kontrollieren, als bei gewöhnlicher Nutzung.

Das ist der entscheidende Punkt für das Doomscrolling. Nicht das Handy im Bett an sich ist das Problem, sondern die Art der Nutzung: nicht aufhören können, immer noch ein Update, immer noch ein Thread. Genau das misst die Forschung als problematische Nutzung, und genau das ist Doomscrolling.

Wie sich das im Alltag zeigt, belegt die JIM-Studie 2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest: 30 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen geben an, morgens müde zu sein, weil sie abends zu lange am Handy waren. 68 Prozent verbringen mehr Zeit am Smartphone, als sie eigentlich wollten.

Drei Wege, auf denen Doomscrolling den Schlaf stört

Wenn du abends doomscrollst, wirken drei Mechanismen gleichzeitig auf deinen Schlaf:

  1. Verdrängung. Der simpelste Effekt: Die Zeit, die du scrollst, schläfst du nicht. Aus „ich lege mich um elf hin“ wird ein Einschlafen um halb eins. Die Schlafdauer schrumpft, ohne dass du eine bewusste Entscheidung getroffen hättest.
  2. Aktivierung. Krisennachrichten sind keine Einschlafhilfe. Schon zwei bis vier Minuten Pandemie-Nachrichten senkten in den Experimenten von Kathryn Buchanan und Kolleginnen die Stimmung messbar. Wer mit Bildern von Krieg oder Katastrophen im Kopf das Licht ausmacht, ist körperlich und gedanklich aktiviert - das Gegenteil dessen, was Einschlafen braucht.
  3. Licht. Bildschirmlicht kann das Einschlafen verzögern. Die Rolle des Lichts wird in der Forschung inzwischen allerdings vorsichtiger bewertet als noch vor einigen Jahren. Nach dem, was die Datenlage hergibt, sind Zeit und Inhalt vermutlich die größeren Faktoren. Ein Nachtmodus löst das Problem jedenfalls nicht, wenn du um ein Uhr noch Liveticker liest.

Der Kreislauf

Schlechter Schlaf und Doomscrolling verstärken sich gegenseitig. Wer schlecht geschlafen hat, hat am nächsten Abend weniger Selbstkontrolle - und greift eher zum Handy. Wer abends scrollt, schläft schlechter. Das ist kein Beweis für eine Ursache-Wirkung-Kette in eine Richtung, sondern eher ein Hinweis darauf, dass beide Richtungen gleichzeitig wirken. Das macht den Kreislauf so stabil - und erklärt, warum ein einzelner guter Vorsatz ihn selten unterbricht.

Verwandt damit ist ein Muster, für das es einen eigenen Begriff gibt: das absichtliche Hinauszögern des Schlafengehens, obwohl nichts dagegen spricht - im Englischen Bedtime Procrastination oder, in der Variante für Menschen mit vollem Tag, Revenge Bedtime Procrastination. Der Abend im Feed ist dann nicht nur Ablenkung, sondern der Versuch, sich ein Stück eigene Zeit zurückzuholen. Beide Begriffe sind im Bereich Begriffe erklärt.

Was sich daraus ableiten lässt

Diese Seite ist kein Ratgeber, aber ein paar Schlüsse liegen auf der Hand. Wenn der Abend die kritische Zeit ist, dann ist der Abend auch der Ort, an dem eine Veränderung am meisten bringt. Wenn nicht das Handy an sich das Problem ist, sondern der Feed, dann geht es nicht um Verzicht auf das Gerät, sondern um den Zugang zum Feed in dieser einen Stunde. Und wenn Willenskraft abends am schwächsten ist, dann muss die Entscheidung früher fallen - etwa beim Weg ins Schlafzimmer, nicht erst im Bett. Konkretes dazu, mit Quellen, im Bereich Was hilft.

Häufige Fragen

Reicht der Nachtmodus, um die Schlafprobleme zu vermeiden?

Nein. Der Nachtmodus verändert die Farbtemperatur des Bildschirms, nicht den Inhalt und nicht die Dauer. Nach aktuellem Forschungsstand sind die verdrängte Schlafzeit und die gedankliche Aktivierung durch belastende Inhalte vermutlich die größeren Faktoren. Wer um ein Uhr noch Krisennachrichten liest, schläft mit Nachtmodus nicht besser.

Ist Handynutzung im Bett grundsätzlich schlecht für den Schlaf?

Die Forschung unterscheidet zwischen gewöhnlicher und problematischer Nutzung. Der negative Zusammenhang mit dem Schlaf ist bei gewöhnlicher Nutzung klein und bei problematischer Nutzung - also nicht aufhören können - deutlich stärker. Ein Hörbuch oder eine kurze Nachricht an einen Freund ist etwas anderes als vierzig Minuten Liveticker.

Warum greife ich nachts zum Handy, wenn ich nicht schlafen kann?

Weil es Ablenkung von den eigenen Gedanken verspricht und sofort verfügbar ist. Das Problem: Ein Newsfeed lenkt nicht ab, sondern liefert neue Gründe zum Grübeln. Wer nachts wach liegt, ist mit einem Buch, einem Podcast ohne Nachrichtenbezug oder schlicht dem Aufstehen für zehn Minuten meist besser bedient.

Quellen

  1. Chen, Y., Li, S., Tian, Y., Li, D. & Yin, H. (2024): Problematic Social Media Use may be Ruining Our Sleep: A Meta-Analysis on the Relationship Between Problematic Social Media Use and Sleep Quality. International Journal of Mental Health and Addiction, 24(1), 262-297.
  2. Ndubski, A., Agyapong-Opoku, F. & Agyapong, B. (2025): Social Media Use and Sleep Quality in Adolescents and Young Adults: A Scoping Review of Reviews. Children, 13(1), 51.
  3. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2025): JIM-Studie 2025. Jugend, Information, Medien.
  4. Buchanan, K., Aknin, L. B., Lotun, S. & Sandstrom, G. M. (2021): Brief exposure to social media during the COVID-19 pandemic: Doom-scrolling has negative emotional consequences, but kindness-scrolling does not. PLOS ONE, 16(10).
  5. Merriam-Webster: Doomsurfing and Doomscrolling (Words We're Watching).

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