Doomscrolling

Warum du beim Doomscrolling nicht aufhören kannst

Du willst aufhören und scrollst weiter. Das liegt nicht an Willensschwäche, sondern an vier Faktoren, die gleichzeitig wirken - und an einem Feed, der genau darauf gebaut ist.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 7 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Du scrollst, weil du in einer unsicheren Lage nach der Information suchst, die sie auflöst. Der Feed verspricht sie im nächsten Beitrag und liefert sie nie.
  2. Menschen reagieren im Durchschnitt stärker auf negative Nachrichten - körperlich messbar in 17 Ländern. Jedes negative Wort in einer Überschrift erhöht die Klickrate um rund 2,3 Prozent.
  3. Der Endlos-Feed entfernt den Moment, in dem du dich fragen würdest, ob du noch mehr willst. Die Mischung aus Belanglosem und Wichtigem hält das Verhalten am zuverlässigsten aufrecht.
  4. Pop-up-Erinnerungen verlieren in Feldstudien schnell ihre Wirkung. Der bessere Ansatzpunkt liegt vor dem Scrollen, nicht mittendrin.

Der Widerspruch

Du weißt, dass es dir nicht guttut. Du hast dir vorgenommen aufzuhören. Und du scrollst weiter. Dieser Widerspruch ist das eigentliche Rätsel am Doomscrolling, denn er lässt sich nicht mit Dummheit oder Willensschwäche erklären. Menschen, die tagsüber komplexe Entscheidungen treffen, verlieren abends im Bett gegen einen Newsfeed. Das liegt daran, dass beim Doomscrolling vier Dinge zusammenwirken, von denen jedes für sich schon schwer zu kontrollieren ist.

Zutat 1: Unsicherheit und die Suche nach dem Ende des Tunnels

Der Titel der ersten wissenschaftlichen Studie zum Doomscrolling lautet „The Dark at the End of the Tunnel“ - das Dunkel am Ende des Tunnels. Er beschreibt den Kern des Problems: Du scrollst, weil du nach etwas suchst. In einer Krise fehlt dir eine Information, die die Lage erklärt, einordnet oder beendet. Der Feed verspricht, dass sie im nächsten Beitrag stehen könnte. Sie steht dort nie, weil es sie in der Regel nicht gibt. Also scrollst du weiter.

Benjamin Johnson, einer der Autoren, nennt es die Besessenheit, eine Krise verstehen zu wollen, kombiniert mit einem Smartphone, dessen Newsfeed nie endet. Die Suche nach Informationen ist dabei zunächst vernünftig: Wer Bescheid weiß, kann handeln. Das Problem beginnt dort, wo es nichts mehr zu handeln gibt - wo weitere Informationen nichts an deiner Situation ändern, du aber trotzdem weitersuchst, weil das Suchen selbst das Gefühl von Kontrolle erzeugt. Studien nennen dafür einen Begleitfaktor: eine geringe Toleranz für Unsicherheit. Menschen, die offene Situationen schlecht aushalten, doomscrollen häufiger.

Zutat 2: Der Negativitätsbias

Menschen reagieren im Durchschnitt stärker auf negative als auf positive Reize. Das ist nicht nur eine Redensart, sondern körperlich messbar. Stuart Soroka, Patrick Fournier und Lilach Nir haben in 17 Ländern auf sechs Kontinenten die Hautleitfähigkeit und den Herzschlag von Menschen aufgezeichnet, während diese Nachrichtenbeiträge sahen. Im Mittel reagierten die Teilnehmenden auf negative Beiträge stärker. Wichtig ist der Zusatz, den die Autoren selbst machen: Der Durchschnitt verdeckt große Unterschiede zwischen Einzelnen. Manche Menschen reagieren auf negative Nachrichten kaum stärker, manche sogar stärker auf positive.

Für die Klickökonomie reicht der Durchschnitt. Claire Robertson und Kolleginnen haben mehr als 12.000 Überschriften-Experimente der Plattform Upworthy ausgewertet, mit über 370 Millionen Einblendungen. Ergebnis: Jedes zusätzliche negative Wort in einer Überschrift durchschnittlicher Länge erhöhte die Klickrate um etwa 2,3 Prozent. Jedes positive Wort senkte sie um etwa ein Prozent. Wer Aufmerksamkeit verkaufen will, hat also einen messbaren Anreiz, negativ zu formulieren - und Feeds, die nach Aufmerksamkeit sortieren, verstärken genau das.

Zutat 3: Ein Feed ohne Ende

Eine Zeitung hat eine letzte Seite. Eine Nachrichtensendung hat einen Abspann. Ein Feed hat nichts davon. Das Endlos-Scrollen ist eine Designentscheidung, keine technische Notwendigkeit, und sie entfernt den natürlichen Moment, in dem du dich fragen würdest: Will ich noch mehr? Solange Inhalte nachladen, gibt es diesen Moment nicht.

Dazu kommt die Unvorhersehbarkeit. Du weißt nie, was der nächste Beitrag ist: eine Belanglosigkeit, ein Witz, eine Eilmeldung. Diese Mischung aus meist Unwichtigem und gelegentlich Wichtigem ist das Belohnungsmuster, das Verhalten am zuverlässigsten aufrechterhält. Nicht die sichere Belohnung hält dich am Scrollen, sondern die mögliche. Wie Feeds gebaut sind, damit das funktioniert, ist Thema des Bereichs Mechanik.

Zutat 4: Die Erleichterung, die keine ist

Beim Doomscrolling gibt es einen Moment, der sich wie Fortschritt anfühlt: Du hast das neueste Update gelesen. Für ein paar Sekunden bist du auf dem Stand, die Unsicherheit ist kleiner. Dann kommt das nächste Update, oder die Frage, ob es eines gibt. Die Erleichterung hält nicht, aber sie hat sich gut genug angefühlt, um das Verhalten zu bestätigen.

Dass dieser Kreislauf sich über Jahre verfestigen kann, zeigt eine Langzeitstudie von Rebecca Thompson, Roxane Cohen Silver und Kollegen mit über 4.000 Menschen in den USA: Wer nach einem Gewaltereignis viel Berichterstattung konsumierte, sorgte sich stärker um künftige Ereignisse, konsumierte beim nächsten Ereignis noch mehr Berichterstattung und war danach noch belasteter. Das Forschungsteam spricht von einem Kreislauf aus Belastung und Medienkonsum, der sich selbst antreibt.

Warum Willenskraft allein nicht reicht

Wenn vier Faktoren zusammenwirken, hilft es wenig, nur an einem zu ziehen. Das zeigt sich auch in der Interventionsforschung. Luca-Maxim Meinhardt und Kollegen haben 2026 in einer siebentägigen Feldstudie mit 104 Teilnehmenden verglichen, wie verschiedene Unterbrechungen beim Endlos-Scrollen von Kurzvideos wirken. Das klassische Pop-up („Du scrollst schon seit 20 Minuten“) wirkte anfangs, verlor aber schnell an Wirkung. Eine allmählich zunehmende visuelle Störung hielt subjektiv am längsten. Und: Menschen mit hoher Impulsivität reagierten anders als Menschen mit niedriger. Es gibt keine Unterbrechung, die für alle funktioniert.

Das bedeutet nicht, dass du nichts tun kannst. Es bedeutet, dass der Ansatzpunkt nicht der Moment ist, in dem du bereits scrollst. Dann sind Unsicherheit, Negativitätsbias, Endlosfeed und die kurze Erleichterung schon im Spiel. Der bessere Ansatzpunkt liegt davor: bei der Frage, wann und wo der Feed überhaupt erreichbar ist. Dazu mehr im Bereich Was hilft.

Die Angriffsperspektive

Beruflich analysiere ich, wie Menschen zu Handlungen gebracht werden, die ihnen schaden. Jeder Social-Engineering-Angriff braucht dieselben Zutaten: Unsicherheit („Ihr Konto wurde gesperrt“), einen negativen Reiz, der Aufmerksamkeit bindet, ein Zeitfenster, das sich nicht schließt („Handeln Sie jetzt“), und eine Handlung, die kurz Erleichterung verspricht - der Klick. Ein Angreifer setzt das gegen eine Person ein, einmal. Ein Feed setzt es gegen Millionen ein, jeden Abend. Der Unterschied ist die Legalität und der Maßstab, nicht die Mechanik. Das ist der Grund, warum diese Seite existiert.

Häufige Fragen

Liegt Doomscrolling an fehlender Selbstdisziplin?

Nur zu einem kleinen Teil. Selbstregulation spielt eine Rolle, und Studien finden, dass Menschen mit geringerer Selbstkontrolle häufiger doomscrollen. Aber der Feed ist so gebaut, dass er genau die Momente nutzt, in denen Selbstkontrolle erschöpft ist - abends, müde, allein. Gegen ein System, das auf Millionen Nutzer optimiert wurde, mit Disziplin anzutreten, ist ein ungleicher Kampf.

Warum fühlt sich Doomscrolling kurz gut an?

Weil das neueste Update für einen Moment die Unsicherheit verkleinert. Du bist auf dem Stand, du hast etwas getan. Diese Erleichterung hält nicht an, aber sie reicht, um das Verhalten zu bestätigen. Das ist dasselbe Muster, das auch andere schwer zu unterbrechende Gewohnheiten aufrechterhält.

Ist der Negativitätsbias bei allen Menschen gleich stark?

Nein. Die Studie von Soroka, Fournier und Nir zeigt einen klaren Durchschnittseffekt, aber auch erhebliche Unterschiede zwischen Einzelnen. Manche Menschen reagieren kaum stärker auf negative Nachrichten, manche stärker auf positive. Feeds optimieren auf den Durchschnitt - und der klickt auf schlechte Nachrichten.

Quellen

  1. Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The Dark at the End of the Tunnel: Doomscrolling on Social Media Newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
  2. University of Florida News (2022): UF study finds 'doomscrolling' is a unique behavior.
  3. Soroka, S., Fournier, P. & Nir, L. (2019): Cross-national evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news. PNAS, 116(38), 18888-18892.
  4. Robertson, C. E., Pröllochs, N., Schwarzenegger, K., Pärnamets, P., Van Bavel, J. J. & Feuerriegel, S. (2023): Negativity drives online news consumption. Nature Human Behaviour, 7, 812-822.
  5. Thompson, R. R., Jones, N. M., Holman, E. A. & Silver, R. C. (2019): Media exposure to mass violence events can fuel a cycle of distress. Science Advances, 5(4).
  6. Meinhardt, L.-M., Dragic, M., Colley, M., Lukoff, K. & Rukzio, E. (2026): Can't Stop: How Context and Individual Traits Influence Effectiveness of Different Gradual Interventions for Infinite Scrolling on Short-Form Video Platforms. Proceedings of the ACM on Interactive, Mobile, Wearable and Ubiquitous Technologies.
  7. Avcı, Vampa, Kreso, Homaei & Putra (2026): Emerging evidence on doomscrolling: A scoping review of empirical studies. Journal of Social Media Research, 3(2), 162-171.

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