Begriff
Doomsurfing
Der ältere Zwilling des Doomscrollings: dasselbe Verhalten, aber mit Klicks statt Scrollen. Warum der Unterschied eine praktische Konsequenz hat.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit
- Englisch
- doomsurfing
- Deutsch
- keine gebräuchliche Übersetzung (sinngemäß: Katastrophen-Surfen)
- Auch bekannt als
- Doom-Surfing, Doom Surfing
- Herkunft
- Aus doom (Verhängnis) und surfing (Websurfen); 2020 zusammen mit Doomscrolling von Merriam-Webster als beobachteter Begriff aufgenommen.
Kurz gesagt
- Doomsurfing ist das anhaltende Klicken von Artikel zu Artikel auf der Suche nach schlechten Nachrichten - Doomscrolling dasselbe im Feed.
- Beide Begriffe nahm Merriam-Webster 2020 gemeinsam in seine Beobachtungsliste auf; durchgesetzt hat sich Doomscrolling.
- Der Unterschied zählt: Beim Surfen gibt es Entscheidungsmomente bei jedem Klick, beim Scrollen fehlen sie.
Was Doomsurfing bedeutet
Doomsurfing ist der ältere Zwilling des Doomscrollings. Gemeint ist dasselbe Verhalten - das anhaltende, schwer zu unterbrechende Aufnehmen schlechter Nachrichten - nur mit einer anderen Bewegung: Beim Doomscrolling scrollst du durch einen Feed, der dir die Inhalte liefert. Beim Doomsurfing klickst du dich selbst von Artikel zu Artikel, von Suchergebnis zu Suchergebnis, von Forum zu Forum. Merriam-Webster beschreibt es als das unablässige Durchsuchen des Internets nach negativen Inhalten, bei dem man in immer tiefere, düstere Kaninchenlöcher gerät.
Das Wort ist aus doom (Verhängnis, Untergang) und surfing im Sinne des Websurfens gebildet. Im Deutschen gibt es keine gebräuchliche Übersetzung. Wer den Unterschied zum Doomscrolling betonen will, kann von „Katastrophen-Surfen“ sprechen, im Alltag hat sich das englische Wort durchgesetzt - wenn es überhaupt verwendet wird, denn Doomscrolling hat es weitgehend verdrängt.
Woher der Begriff kommt
Beide Wörter tauchten im Frühjahr 2020 gemeinsam auf, als die Pandemie begann und Merriam-Webster sie in seine Liste beobachteter Begriffe aufnahm. Doomsurfing beschreibt dabei die ältere Nutzungsform: das aktive Suchen im Netz, wie es seit den späten 1990er-Jahren üblich war. Doomscrolling beschreibt die neuere: das passive Empfangen im Feed, wie es Smartphones und soziale Netzwerke seit etwa 2010 zur Regel gemacht haben. Dass sich das zweite Wort durchgesetzt hat, sagt viel darüber aus, wie sich der Nachrichtenkonsum verschoben hat - von der Suche zum Strom.
Der Unterschied, der zählt
Auf den ersten Blick ist der Unterschied nebensächlich, aber er hat eine praktische Konsequenz. Beim Doomsurfing triffst du bei jedem Klick eine Entscheidung. Du wählst den nächsten Link, tippst den nächsten Suchbegriff ein, öffnest den nächsten Tab. Jeder dieser Schritte ist ein Moment, in dem du aufhören könntest - und ein Moment, in dem du merkst, dass du weitermachst. Beim Doomscrolling fehlen diese Momente. Der Feed lädt nach, ohne dass du etwas entscheidest. Du musst nicht wählen, du musst nur nicht aufhören.
Das macht Doomscrolling zur schwerer kontrollierbaren Variante. Es erklärt auch, warum die Forschung sich fast ausschließlich auf das Scrollen konzentriert: Die erste wissenschaftliche Skala, entwickelt 2022 von Bhakti Sharma, Susanna Lee und Benjamin Johnson, misst ausdrücklich das Verhalten in Social-Media-Newsfeeds. Doomsurfing kommt in der Forschung nur am Rand vor, etwa in einer indischen Studie zum ersten Corona-Lockdown, die beide Begriffe nebeneinander verwendet.
Wo Doomsurfing heute noch passiert
Auch wenn der Feed dominiert, ist die klickende Variante nicht verschwunden. Typische Doomsurfing-Situationen sind:
- Die nächtliche Recherche zu einem Symptom, die bei einer Suchmaschine beginnt und drei Stunden später in einem Forum für seltene Krankheiten endet.
- Das Verfolgen einer Krise über mehrere Nachrichtenseiten hinweg, weil keine davon die eine erlösende Information liefert.
- Das Durchklicken von Kommentarspalten und Threads zu einem Thema, das einen ohnehin schon belastet.
In allen drei Fällen gilt dasselbe wie beim Doomscrolling: Die Suche fühlt sich wie Informationsbeschaffung an, liefert aber ab einem bestimmten Punkt keine neue Information mehr, sondern nur noch neue Belastung.
Was das für dich heißt
Wenn du eher surfst als scrollst, hast du einen Vorteil: Du hast Entscheidungsmomente. Die Frage „Brauche ich den nächsten Klick wirklich?“ lässt sich beim Doomsurfing stellen, weil es den nächsten Klick gibt. Beim Doomscrolling musst du diesen Moment künstlich erzeugen. Wie das gehen kann, ist Thema des Bereichs Was hilft. Und warum du überhaupt weitersuchst, obwohl du nichts mehr findest, erklärt der Text Warum du nicht aufhören kannst.
Häufige Fragen
Ist Doomsurfing dasselbe wie Doomscrolling?
Inhaltlich ja - es geht in beiden Fällen um das anhaltende Aufnehmen negativer Nachrichten, das sich schwer unterbrechen lässt. Der Unterschied liegt in der Bewegung: Surfen heißt klicken und suchen, Scrollen heißt im Feed nach unten wischen. Die Forschung untersucht fast nur das Scrollen, weil es die schwerer kontrollierbare Form ist.
Warum hat sich Doomscrolling als Begriff durchgesetzt?
Weil der Feed den Nachrichtenkonsum dominiert. Seit Smartphones und soziale Netzwerke Nachrichten als endlosen Strom liefern, ist das Scrollen die Normalform geworden und das gezielte Suchen die Ausnahme. Das Wort folgt dem Verhalten.
Quellen
- Merriam-Webster: Doomsurfing and Doomscrolling (Words We're Watching).
- Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The Dark at the End of the Tunnel: Doomscrolling on Social Media Newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
- Anand, N. et al. (2022): Doomsurfing and doomscrolling mediate psychological distress in COVID-19 lockdown: Implications for awareness of cognitive biases. Perspectives in Psychiatric Care, 58(1).