Mechanik
Was Plattformen aus deinem Scrollen lesen
Das Modell sieht, dass du anhältst. Es sieht nicht, warum. Faszination und Entsetzen sehen für einen Feed identisch aus - und genau das macht ihn in Krisen gefährlich.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
- Der größte Teil dessen, was ein Feed über dich weiß, stammt aus impliziten Signalen: Verweildauer, Scrollgeschwindigkeit, Wiederholungen, Profilklicks - nicht aus Likes.
- Das Wall Street Journal zeigte 2021 mit über hundert Bots auf TikTok: Verweildauer allein reichte, um Feeds binnen Stunden auf ein Thema einzustellen - auch auf Traurigkeit.
- Das Modell liest Verhalten, nicht Absicht. Anhalten aus Entsetzen und Anhalten aus Interesse sind für das System dasselbe Signal: mehr davon.
- Der Feed von morgen ist der Feed, den dein schlimmster Abend trainiert hat. Das stärkste Gegensignal ist nicht der Knopf „Nicht interessiert“, sondern anderes Verhalten.
Du musst nichts anklicken
Die meisten Menschen glauben, dass eine Plattform von ihnen erfährt, was sie liken, kommentieren und teilen. Das stimmt, aber es ist der kleinste Teil. Der größte Teil dessen, was ein Feed über dich weiß, stammt aus dem, was du tust, ohne etwas zu tun: wie schnell du scrollst, wo du langsamer wirst, wo du anhältst, wie lange, ob du ein Video zu Ende siehst oder nach zwei Sekunden weiterwischst, ob du es zweimal ansiehst, ob du ein Bild vergrößerst, ob du auf ein Profil tippst und wieder zurückkommst. Diese Signale heißen in der Branche implizit, weil du sie nicht bewusst gibst. Sie sind die eigentliche Währung.
Instagram hat das 2021 selbst so beschrieben. In einem Blogbeitrag erklärte Adam Mosseri, dass der Feed auf Basis von „tausenden Signalen“ für jeden Beitrag vorhersagt, wie wahrscheinlich du ein paar Sekunden darauf verweilst, ihn kommentierst, likst, speicherst oder auf das Profil tippst. Das erste dieser Signale - die paar Sekunden - ist das entscheidende, weil es das einzige ist, das jeder gibt. Nicht jeder kommentiert. Aber jeder verweilt irgendwo.
Der Beweis mit Robotern
Wie viel allein die Verweildauer verrät, hat das Wall Street Journal 2021 in einem Experiment gezeigt. Die Redaktion ließ über hundert automatisierte Konten TikTok nutzen und hunderttausende Videos ansehen. Die Bots likten nichts, kommentierten nichts, folgten niemandem. Ihr einziges Verhalten: Bei Videos zu einem zugewiesenen Thema hielten sie an oder sahen sie noch einmal, an allen anderen wischten sie vorbei. Nach Angaben der Redaktion reichte das aus: Innerhalb weniger Stunden hatten sich die Feeds auf die zugewiesenen Interessen eingestellt; die Verweildauer erwies sich als das dominante Signal, Likes, Teilen und Folgen spielten kaum eine Rolle. Ein Bot, der bei traurigen Inhalten verweilte, bekam nach kurzer Zeit fast nur noch Inhalte zu Traurigkeit und Depression - ohne je ein Wort dazu gesagt zu haben.
Das Experiment bestätigt, was ein internes TikTok-Dokument nahelegt, über das die New York Times im selben Jahr berichtete: Das System optimiert auf Verweildauer und Wiederkehr, und die Formel gewichtet neben Likes und Kommentaren ausdrücklich die erwartete Abspielzeit. Der Mitarbeiter, der das Dokument weitergab, tat es nach Angaben der Zeitung, weil ihn beunruhigte, wie zuverlässig die Plattform Menschen zu traurigen Inhalten führte.
Was das Modell nicht weiß
Hier liegt der Kern des Problems, und er ist nicht technisch, sondern begrifflich. Das Modell liest Verhalten, nicht Absicht. Es sieht, dass du bei einem Video anhältst. Es sieht nicht, warum. Ein Anhalten aus Faszination und ein Anhalten aus Entsetzen sehen für das Modell identisch aus - dieselbe Verweildauer, dieselbe Wiederholung, dasselbe langsame Scrollen. Aus Sicht des Systems gibt es keinen Unterschied zwischen „das will ich sehen“ und „davon kann ich nicht wegsehen“. Beides ist Verweildauer, und Verweildauer ist das Ziel.
Menschen können diesen Unterschied sofort benennen. Das Modell kann es nicht, weil es nie danach gefragt wird. Es wird gefragt, was dich hält. Und was dich hält, ist in einer Krise das, was dir am meisten Angst macht.
Warum das Doomscrolling verstärkt
Damit ist der Mechanismus vollständig. Am Abend einer Krise scrollst du langsamer, wenn schlechte Nachrichten kommen, und schneller, wenn etwas anderes kommt. Du siehst das Video von der Katastrophe zu Ende und wischst über das Katzenvideo hinweg. Du tippst auf das Profil des Reporters und kommst zurück. Jedes dieser Signale sagt dem Modell dasselbe: mehr davon. Und das Modell liefert - nicht, weil es dich belasten will, sondern weil es dich halten soll und gelernt hat, womit.
Der Feed am nächsten Morgen ist deshalb nicht der Feed von gestern. Er ist der Feed, den dein schlimmster Abend trainiert hat. Das ist der technische Kern dessen, was der Text Warum du nicht aufhören kannst aus der Perspektive der Psychologie beschreibt: Der Kreislauf hat auf der Plattformseite ein Gegenstück, das ihn mitdreht.
Was sich daraus ableiten lässt
Drei Dinge. Erstens: Was du heute im Feed tust, bestimmt, was du morgen siehst. Wer in einer Krise einmal eine halbe Stunde durch Katastrophenbilder scrollt, hat das Modell für die nächsten Tage trainiert - und muss es aktiv umtrainieren, indem er anderes ansieht oder gar nichts. Zweitens: Die Knöpfe für „Nicht interessiert“ existieren, wirken aber schwach; das Wall Street Journal stellte fest, dass sie wenig ausrichten, solange das Verweilverhalten dagegen spricht. Das stärkste Signal ist nicht der Knopf, sondern das Verhalten. Drittens: Der Digital Services Act verpflichtet Plattformen seit 2024, die wichtigsten Parameter ihrer Empfehlungssysteme offenzulegen und mindestens eine Feed-Variante ohne Profilbildung anzubieten. Diese Variante liest dein Verhalten nicht. Sie ist der einzige Feed, den der schlimmste Abend nicht verändert.
Häufige Fragen
Hört mein Handy mit, um mir Inhalte zu zeigen?
Dafür gibt es keinen Beleg, und es wäre auch unnötig. Das Bot-Experiment des Wall Street Journal zeigt, dass Verweildauer und Scrollverhalten allein ausreichen, um innerhalb von Stunden ein genaues Interessenprofil zu erzeugen. Die Plattform muss nicht hören, was du sagst. Sie sieht, wo du langsamer wirst - und das ist verräterischer.
Wie bringe ich dem Feed bei, mir weniger Krisen zu zeigen?
Durch Verhalten, nicht durch Knöpfe. „Nicht interessiert“ wirkt schwach, solange du bei den Inhalten trotzdem verweilst. Wirksamer ist, konsequent an dem vorbeizuscrollen, was du weniger sehen willst, und bei anderem zu verweilen - oder den chronologischen Feed zu wählen, den der Digital Services Act seit 2024 vorschreibt. Der liest dein Verhalten nicht.
Quellen
- Mosseri, A. (2021): Shedding More Light on How Instagram Works. Instagram Blog, 8. Juni 2021.
- Wall Street Journal (2021): Inside TikTok’s Algorithm: A WSJ Video Investigation. 21. Juli 2021 (Ankündigung mit Link zum Video).
- Gizmodo (2021): Leaked TikTok Doc Reveals Its Obvious Secret to an Addictive Feed. Bericht über das interne Dokument „TikTok Algo 101“ (New York Times, Dezember 2021).
- Verordnung (EU) 2022/2065 (Digital Services Act), Artikel 27 (Transparenz der Empfehlungssysteme) und Artikel 38 (Empfehlungssysteme ohne Profiling).