Begriff
Continuous Partial Attention
Bei allem ein bisschen, bei nichts ganz. Ein Begriff aus dem Jahr 1998, der den Zustand beschreibt, aus dem Doomscrolling entsteht - und der ihn vom Multitasking unterscheidet.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit
- Englisch
- continuous partial attention (CPA)
- Deutsch
- ständige Teilaufmerksamkeit, kontinuierliche partielle Aufmerksamkeit
- Auch bekannt als
- CPA, Teilaufmerksamkeit, Dauer-Teilaufmerksamkeit
- Herkunft
- Geprägt 1998 von Linda Stone, damals bei Microsoft, zur Beschreibung der Aufmerksamkeit in vernetzten Arbeitsumgebungen.
Kurz gesagt
- Continuous Partial Attention ist das ständige Teilen der Aufmerksamkeit, um nichts zu verpassen - ein Dauerzustand, keine Entscheidung.
- Geprägt 1998 von Linda Stone (Apple, Microsoft); Motivation ist der Wunsch, ein lebender Knoten im Netzwerk zu sein, nicht Produktivität wie beim Multitasking.
- Forschung zu Medien-Multitasking, Unterbrechungen und Attention Residue stützt die Beobachtung, ohne dass der Begriff selbst klinisch definiert wäre.
- Doomscrolling entsteht aus diesem Hintergrundzustand: Wer den Kanal nie schließt, prüft ihn in der Krise ständig - ohne sich je dafür entschieden zu haben.
Was Continuous Partial Attention bedeutet
Continuous Partial Attention, auf Deutsch etwa „ständige Teilaufmerksamkeit“, beschreibt einen Zustand, in dem die Aufmerksamkeit nie ganz bei einer Sache ist, weil ein Teil davon permanent die Umgebung abtastet: das Handy, den Posteingang, den Feed, die Benachrichtigungen. Man ist bei allem ein bisschen und bei nichts ganz. Nicht, weil man mehrere Dinge erledigen will, sondern weil man nichts verpassen will.
Der Unterschied zum Multitasking ist entscheidend, und er ist der Kern des Begriffs. Beim Multitasking will man produktiv sein: zwei Aufgaben gleichzeitig, um Zeit zu sparen. Bei Continuous Partial Attention will man verbunden bleiben: Man hält einen Kanal offen, für den Fall, dass etwas Wichtiges kommt. Das erste ist eine Entscheidung, das zweite ein Dauerzustand.
Woher der Begriff kommt
Geprägt hat ihn Linda Stone 1998. Stone war Managerin bei Apple und später bei Microsoft, wo sie an frühen Formen sozialer Software arbeitete, und gehört zu den ersten, die die Aufmerksamkeitskosten der vernetzten Arbeit beschrieben haben - lange vor dem Smartphone. Ihre Definition: Continuous Partial Attention ist das Verhalten, die Aufmerksamkeit zu teilen, ständig zu scannen und Gelegenheiten zu optimieren, um nichts zu verpassen. Die Motivation dahinter nannte sie den Wunsch, ein lebender Knoten im Netzwerk zu sein - jederzeit erreichbar, jederzeit im Bild, jederzeit dabei.
Stone hat später einen zweiten Begriff geprägt, der eng verwandt ist: Screen Apnea, das flache Atmen oder Atemanhalten vor dem Bildschirm. Beide beschreiben denselben Zustand von zwei Seiten - einmal die Aufmerksamkeit, einmal den Körper.
Was dran ist
Continuous Partial Attention ist kein klinischer und kein experimentell definierter Begriff, sondern eine Beobachtung, die Forschung zu verwandten Phänomenen stützt. Studien zu Medien-Multitasking zeigen, dass Menschen, die häufig zwischen Medien wechseln, in Aufgaben zum Filtern von Informationen schlechter abschneiden. Untersuchungen zu Unterbrechungen bei der Arbeit finden erhöhte Stresswerte. Und die Forschung zu Attention Residue zeigt, dass jeder Wechsel einen Rest der vorherigen Aufgabe hinterlässt, der die nächste stört.
Was Stone 1998 vorhergesagt hat, ist inzwischen der Normalzustand. Das Smartphone hat den offenen Kanal, den sie beschrieb, in jede Hosentasche gebracht. Der Zustand, ein lebender Knoten im Netzwerk zu sein, ist keine Entscheidung mehr, sondern die Voreinstellung - und wer ihn verlassen will, muss aktiv etwas dafür tun.
Was das mit Doomscrolling zu tun hat
Continuous Partial Attention ist der Hintergrundzustand, aus dem Doomscrolling entsteht. Wer permanent einen Kanal offen hält, um nichts zu verpassen, wird in einer Krise diesen Kanal häufiger prüfen - denn jetzt gibt es tatsächlich etwas zu verpassen. Die Teilaufmerksamkeit wird zur Vollaufmerksamkeit für den Feed, und alles andere wird zum Hintergrund. Das Abendessen, das Gespräch, das Buch: alles nur noch halb, weil die andere Hälfte beim Liveticker ist.
Stones Beobachtung erklärt auch, warum Doomscrolling sich nicht wie eine Entscheidung anfühlt. Man hat sich nicht entschieden, den Feed zu prüfen. Man hat nur nie aufgehört, ihn im Blick zu haben. Der Übergang von der Teilaufmerksamkeit zum Scrollen ist fließend, weil der Kanal nie geschlossen war.
Was sich daraus ableiten lässt
Stones Begriff macht eine Unterscheidung möglich, die im Alltag oft fehlt: Es gibt einen Unterschied zwischen erreichbar sein und ständig scannen. Man kann erreichbar sein - für Anrufe, für Nachrichten von bestimmten Menschen - und trotzdem den Kanal zum Feed geschlossen halten. Das ist die technische Übersetzung ihres Befunds: Benachrichtigungen für Menschen an, für Plattformen aus. Dann bleibt man ein Knoten im Netzwerk, aber kein permanent scannender.
Häufige Fragen
Ist Continuous Partial Attention dasselbe wie Multitasking?
Nein, und das ist der Kern des Begriffs. Multitasking ist der Versuch, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, um Zeit zu sparen - eine Entscheidung mit Produktivitätsziel. Continuous Partial Attention ist das ständige Offenhalten eines Kanals, um nichts zu verpassen - ein Dauerzustand mit Verbindungsziel. Das eine ist anstrengend, das andere ist zermürbend.
Kann man Continuous Partial Attention abstellen?
Nicht durch Willenskraft, aber durch Einstellungen. Der Zustand entsteht dadurch, dass der Kanal offen ist. Wer Benachrichtigungen für Plattformen abschaltet und nur für Menschen anlässt, bleibt erreichbar, ohne ständig zu scannen. Der Unterschied zwischen erreichbar sein und scannen ist der ganze Hebel.
Quellen
- Wikipedia (englisch): Continuous partial attention - Definition, Herkunft, Abgrenzung zum Multitasking.
- Stone, L.: Continuous Partial Attention. Beiträge auf lindastone.net.
- Leroy, S. (2009): Why is it so hard to do my work? The challenge of attention residue when switching between work tasks. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(2), 168-181.