Begriff
FOMO - Fear of Missing Out
Die Angst, etwas zu verpassen, ist alt. Neu ist, dass der Feed ihr pausenlos Anlass gibt. Was der Begriff bedeutet, wer ihn geprägt hat und warum er in fast jeder Doomscrolling-Studie auftaucht.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit
- Englisch
- fear of missing out (FOMO)
- Deutsch
- Angst, etwas zu verpassen; Verpassensangst
- Auch bekannt als
- FoMO, Fear of Missing Out, Verlustangst (umgangssprachlich, unscharf)
- Herkunft
- Als Ausdruck 2000 bei Dan Herman, als Abkürzung 2004 von Patrick McGinnis in The Harbus (Harvard Business School) geprägt; 2013 in Oxford Dictionaries aufgenommen.
Kurz gesagt
- FOMO (fear of missing out) ist die durchdringende Befürchtung, dass andere lohnende Erfahrungen machen, von denen man ausgeschlossen ist.
- Geprägt 2004 von Patrick McGinnis in einer Harvard-Studierendenzeitung; seit 2013 in Oxford Dictionaries und in der Forschung (Przybylski u. a.).
- FOMO hängt mit unerfüllten Grundbedürfnissen, schlechterer Stimmung und mehr Social-Media-Nutzung zusammen; Jüngere und junge Männer sind stärker betroffen.
- Doomscrolling ist FOMO auf Nachrichten angewendet - mit dem Unterschied, dass es hier kein Ende gibt, das man verpassen könnte.
Was FOMO bedeutet
FOMO steht für fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen. Gemeint ist das nagende Gefühl, dass andere gerade etwas erleben, bei dem man nicht dabei ist - eine Party, eine Nachricht, ein Trend, ein Gespräch. Die Forschung definiert FOMO als eine durchdringende Befürchtung, dass andere lohnende Erfahrungen machen, von denen man selbst ausgeschlossen ist, verbunden mit dem Wunsch, ständig in Verbindung mit dem zu bleiben, was andere tun.
Das Gefühl ist alt. Neu ist, dass es einen permanenten Anlass hat. Vor dem Smartphone wusste man nicht, was die anderen gerade machten. Heute zeigt es der Feed - kuratiert, gefiltert, in der besten Version. FOMO ist damit weniger ein Charakterzug als eine Reaktion auf eine Umgebung, die pausenlos zeigt, was man gerade nicht tut.
Woher der Begriff kommt
Der Ausdruck hat zwei Väter. Der Marketingstratege Dan Herman verwendete „fear of missing out“ Ende der 1990er-Jahre in Vorträgen und 2000 in einem Fachartikel über kurzlebige Marken - als Beschreibung eines Konsummotivs. Populär wurde die Abkürzung aber durch Patrick McGinnis, damals Student an der Harvard Business School. 2004 veröffentlichte er in der Studierendenzeitung The Harbus eine Kolumne mit dem Titel „Social Theory at HBS: McGinnis' Two FOs“, in der er FOMO und den Zwilling FOBO (fear of a better option, die Angst vor einer besseren Alternative) einführte. Der Text beschrieb das Leben an einer Elite-Uni, an der jeder Abend drei Einladungen hatte. Zehn Jahre später beschrieb er das Leben aller mit Smartphone.
2013 nahm Oxford Dictionaries FOMO auf. Im selben Jahr erschien die Studie, die den Begriff in die Psychologie brachte.
Was die Forschung zeigt
Andrew Przybylski, Kou Murayama, Cody DeHaan und Valerie Gladwell veröffentlichten 2013 in Computers in Human Behavior die erste systematische Untersuchung. In drei Studien entwickelten sie eine Skala mit zehn Aussagen (etwa: „Ich fürchte, andere haben lohnendere Erlebnisse als ich“) und prüften sie an 1.013 Menschen aus mehreren Ländern, an 2.079 Erwachsenen in einer repräsentativen britischen Stichprobe und an 87 Studierenden. Die Befunde:
- FOMO ist stärker bei Menschen, deren psychologische Grundbedürfnisse - Kompetenz, Autonomie, Verbundenheit - weniger erfüllt sind.
- Hohe FOMO-Werte gehen mit schlechterer Stimmung und geringerer Lebenszufriedenheit einher.
- FOMO erklärt einen guten Teil der Social-Media-Nutzung: Wer mehr Angst hat, etwas zu verpassen, ist mehr in den Netzwerken - und nutzt sie auch in Vorlesungen und am Steuer.
- Jüngere Menschen haben mehr FOMO als ältere, junge Männer am meisten; mit dem Alter verschwindet der Geschlechtsunterschied.
Seitdem ist FOMO eines der meistuntersuchten Konstrukte der Medienpsychologie. Es taucht als Begleitfaktor in fast jeder Studie zu problematischer Social-Media-Nutzung auf - und in fast jeder Studie zum Doomscrolling.
Was das mit Doomscrolling zu tun hat
FOMO ist einer der wenigen Faktoren, die in der Doomscrolling-Forschung durchgängig gefunden werden. Eine türkische Studie zur Doomscrolling Scale fand einen direkten Zusammenhang, ein Scoping Review von 2026 nennt FOMO als einen der stabilsten Begleitfaktoren überhaupt. Der Mechanismus liegt auf der Hand: Doomscrolling ist FOMO, angewendet auf Nachrichten. Nicht die Party wird verpasst, sondern die Entwicklung - das Update, die Eilmeldung, der Wendepunkt. Die Angst, der Einzige zu sein, der nicht weiß, was los ist, hält den Daumen in Bewegung.
Der Unterschied zum klassischen FOMO: Bei der verpassten Party gibt es zumindest theoretisch ein Ende - irgendwann ist sie vorbei. Bei den Nachrichten gibt es keines. Es gibt immer eine neue Entwicklung, und der Feed sorgt dafür, dass du davon erfährst, sobald du ihn öffnest. Das macht die Nachrichten-Variante von FOMO zur besonders zähen.
Was sich daraus ableiten lässt
Die Studie von Przybylski liefert einen Hinweis, der oft übersehen wird: FOMO ist stärker, wenn Grundbedürfnisse unerfüllt sind. Wer sich kompetent, selbstbestimmt und verbunden fühlt, hat weniger Angst, etwas zu verpassen. Das heißt umgekehrt: Der wirksamste Hebel gegen FOMO ist nicht, weniger auf den Feed zu schauen, sondern mehr von dem zu haben, was der Feed vorgaukelt - echte Verbundenheit, echte Handlungsfähigkeit. Das Gegenstück, das aus derselben Einsicht entstanden ist, heißt JOMO: die Freude daran, etwas zu verpassen.
Häufige Fragen
Ist FOMO eine psychische Störung?
Nein. FOMO ist ein psychologisches Konstrukt, das sich messen lässt, aber keine Diagnose. Die Forschung behandelt es als Eigenschaft, die bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist und mit Wohlbefinden und Mediennutzung zusammenhängt - nicht als Krankheit.
Wie wird FOMO gemessen?
Mit der Fear of Missing Out Scale von Przybylski und Kollegen aus dem Jahr 2013: zehn Aussagen wie „Ich mache mir Sorgen, wenn ich erfahre, dass meine Freunde ohne mich Spaß haben“, bewertet auf einer fünfstufigen Skala. Die Skala ist das Standardinstrument und in viele Sprachen übersetzt.
Warum haben junge Männer am meisten FOMO?
Das ist ein Befund der Originalstudie, für den es keine gesicherte Erklärung gibt. Bemerkenswert ist die Parallele zum Doomscrolling: Auch dort berichten Männer und Jüngere häufiger vom Verhalten. Der Geschlechtsunterschied verschwindet bei FOMO mit dem Alter; der Altersunterschied bleibt.
Quellen
- Przybylski, A. K., Murayama, K., DeHaan, C. R. & Gladwell, V. (2013): Motivational, emotional, and behavioral correlates of fear of missing out. Computers in Human Behavior, 29(4), 1841-1848.
- McGinnis, P. (2004): Social Theory at HBS: McGinnis' Two FOs. The Harbus.
- Wikipedia (englisch): Fear of missing out - Begriffsgeschichte.
- Satici, S. A., Gocet Tekin, E., Deniz, M. E. & Satici, B. (2023): Doomscrolling Scale: its Association with Personality Traits, Psychological Distress, Social Media Use, and Wellbeing. Applied Research in Quality of Life, 18(2), 833-847.