Begriff
Nomophobie
Leerer Akku, kein Netz, Handy verlegt - und sofort Unruhe. Ein Begriff aus einer PR-Studie von 2008, der zum Forschungsgegenstand wurde und trotz der Endung keine Phobie ist.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit
- Englisch
- nomophobia
- Deutsch
- Nomophobie
- Auch bekannt als
- No-Mobile-Phone-Phobia, Handy-Verlustangst, Smartphone-Trennungsangst
- Herkunft
- Kurzwort aus „no mobile phone phobia“, geprägt 2008 im Umfeld einer YouGov-Studie für die britische Post Office.
Kurz gesagt
- Nomophobie steht für „no mobile phone phobia“: die Angst, ohne Handy oder ohne Netz zu sein.
- Der Begriff stammt aus einer YouGov-Studie für die britische Post von 2008; wissenschaftlich messbar wurde er 2015 mit dem NMP-Q (20 Aussagen, vier Dimensionen).
- Nomophobie steht in keinem Diagnosehandbuch. Häufigkeitsangaben schwanken je nach Studie zwischen 6 und 73 Prozent - eine belastbare Zahl gibt es nicht.
- Die Brücke zum Doomscrolling ist die Angst, nicht an Informationen zu kommen: Sie hält das Handy immer in Reichweite, auch abends im Bett.
Was Nomophobie bedeutet
Nomophobie ist die Angst, ohne Mobiltelefon zu sein. Das Wort ist eine Abkürzung: no mobile phone phobia. Gemeint ist das Unbehagen bis hin zur Panik, das entsteht, wenn das Handy nicht erreichbar ist - weil der Akku leer ist, kein Netz da ist, das Gerät verlegt wurde oder das Guthaben aufgebraucht ist. Wer nomophob ist, prüft ständig den Akkustand, nimmt das Handy mit ins Bad, wird nervös in Funklöchern und fühlt sich ohne Gerät abgeschnitten.
Trotz der Endung ist Nomophobie keine anerkannte Phobie im klinischen Sinn. Sie steht in keinem Diagnosehandbuch, weder im ICD noch im DSM. Der Begriff beschreibt ein Muster, das sich messen lässt, aber keine Krankheit.
Woher der Begriff kommt
Anders als die meisten Begriffe auf dieser Seite stammt Nomophobie nicht aus der Wissenschaft und nicht aus dem Netz, sondern aus einer Auftragsstudie. 2008 ließ die britische Post (Post Office) vom Meinungsforschungsinstitut YouGov untersuchen, wie Menschen auf den Verlust ihres Handys reagieren. Das Ergebnis, das damals durch die Presse ging: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, ängstlich zu werden, wenn sie ihr Handy verlieren, der Akku leer ist oder kein Netz verfügbar ist. Hochgerechnet sprach die Studie von rund 13 Millionen betroffenen Briten. Das Wort „Nomophobia“ wurde im Zuge dieser Studie geprägt - vermutlich von der beauftragten PR-Agentur, was seinen etwas reißerischen Klang erklärt.
Wie Nomophobie gemessen wird
Aus dem PR-Begriff wurde ein Forschungsgegenstand, als Caglar Yildirim und Ana-Paula Correia 2015 den Nomophobia Questionnaire (NMP-Q) veröffentlichten. Der Fragebogen umfasst 20 Aussagen auf einer siebenstufigen Skala und erfasst vier Dimensionen: die Angst, nicht kommunizieren zu können; die Angst, den Anschluss zu verlieren; die Angst, nicht an Informationen zu kommen; und die Angst, auf Bequemlichkeit verzichten zu müssen. Der Gesamtwert liegt zwischen 20 und 140 Punkten, mit gängigen Schwellen für leichte, mittlere und schwere Nomophobie.
Der NMP-Q wurde in Dutzende Sprachen übersetzt und ist das Standardinstrument der Forschung. Eine systematische Übersicht von 2021, die 108 Studien auswertete, zeigt allerdings auch das Problem: Die berichteten Häufigkeiten schwanken enorm - von 6 bis 73 Prozent für Nomophobie insgesamt, von 1 bis 87 Prozent für schwere Ausprägungen. Das liegt weniger an den Menschen als an den Methoden: unterschiedliche Schwellenwerte, unterschiedliche Stichproben (meist Studierende), unterschiedliche Übersetzungen. Eine belastbare Zahl, wie viele Menschen nomophob sind, gibt es deshalb nicht.
Was das mit Doomscrolling zu tun hat
Nomophobie und Doomscrolling teilen sich eine Wurzel: die Angst, den Anschluss zu verlieren. Bei der Nomophobie richtet sich diese Angst auf das Gerät - was, wenn ich nicht erreichbar bin, wenn ich nichts nachschauen kann? Beim Doomscrolling richtet sie sich auf die Nachrichtenlage - was, wenn etwas passiert und ich es nicht weiß? Beide führen zum selben Verhalten: Das Handy ist immer dabei, immer an, immer in Reichweite. Und ein Handy, das immer in Reichweite ist, wird abends im Bett zum Feed.
Die NMP-Q-Dimension „Angst, nicht an Informationen zu kommen“ ist dabei die direkte Brücke. Sie beschreibt das Unbehagen, ohne Zugang zu Nachrichten zu sein - und genau dieses Unbehagen ist es, das in Krisenzeiten das Scrollen antreibt. Wer nomophob ist, hat es schwerer, das Handy abends in einen anderen Raum zu legen, weil schon die Trennung Unruhe auslöst. Das macht die einfachste Maßnahme gegen Doomscrolling für diese Menschen zur schwersten.
Was sich daraus ableiten lässt
Der Begriff hat einen Nutzen und eine Gefahr. Der Nutzen: Er benennt etwas, das viele Menschen als peinlich empfinden und deshalb nicht aussprechen - dass ein leerer Akku echte Unruhe auslöst. Die Gefahr: Die Endung „-phobie“ suggeriert eine Krankheit, wo die Forschung nur ein Verhaltensmuster sieht. Wer sich in der Beschreibung wiedererkennt, hat keine Diagnose, sondern einen Hinweis darauf, dass das Gerät eine Rolle spielt, die es nicht haben sollte. Die Trennung vom Handy für ein paar Stunden am Tag ist unangenehm, aber sie ist genau die Übung, die den Zusammenhang lockert.
Häufige Fragen
Ist Nomophobie eine anerkannte Krankheit?
Nein. Nomophobie steht weder im ICD noch im DSM und ist keine Phobie im klinischen Sinn. Der Begriff beschreibt ein messbares Verhaltensmuster. Wer sich darin wiedererkennt, hat keine Diagnose, sondern einen Hinweis darauf, dass das Handy eine größere Rolle spielt, als ihm lieb ist.
Wie viele Menschen sind nomophob?
Das lässt sich nicht seriös sagen. Eine Übersicht über 108 Studien fand Werte zwischen 6 und 73 Prozent, je nach Schwellenwert, Stichprobe und Übersetzung des Fragebogens. Die meisten Studien befragen Studierende. Sicher ist nur, dass das Unbehagen ohne Handy weit verbreitet ist - nicht, ab wann es ein Problem ist.
Was ist der Unterschied zwischen Nomophobie und Handysucht?
Nomophobie beschreibt die Angst vor der Trennung vom Gerät, problematische Smartphone-Nutzung den Kontrollverlust bei der Nutzung. Beides hängt zusammen und wird oft gemeinsam gemessen, ist aber nicht dasselbe: Man kann ohne Handy unruhig werden, ohne es übermäßig zu nutzen - und umgekehrt.
Quellen
- Yildirim, C. & Correia, A.-P. (2015): Exploring the dimensions of nomophobia: Development and validation of a self-reported questionnaire. Computers in Human Behavior, 49, 130-137.
- León-Mejía, A. C. et al. (2021): A systematic review on nomophobia prevalence: Surfacing results and standard guidelines for future research. PLOS ONE, 16(5).
- The Emerging Phenomenon of Nomophobia in Young Adults: A Systematic Review Study (2021). PMC.