Begriff

Phubbing

Wenn dein Gegenüber mitten im Gespräch aufs Handy schaut, hat das einen Namen. Ein Wort, das eine Werbeagentur erfunden hat - und das die Forschung inzwischen ernst nimmt.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit

Englisch
phubbing
Deutsch
keine eingeführte Übersetzung
Auch bekannt als
Phubber, Partner-Phubbing, Pphubbing, Parental Phubbing
Herkunft
Kunstwort aus phone und snubbing, im Mai 2012 für das Macquarie Dictionary geprägt und durch die McCann-Kampagne „Stop Phubbing“ bekannt gemacht.

Kurz gesagt

  1. Phubbing (phone + snubbing) ist das Ignorieren einer anwesenden Person zugunsten des Smartphones.
  2. Das Wort wurde 2012 im Auftrag des Macquarie Dictionary und der Agentur McCann bewusst erfunden und über die Kampagne „Stop Phubbing“ verbreitet.
  3. Roberts und David (2016): 46 Prozent der Befragten werden vom Partner gephubbt, 23 Prozent berichten von Konflikten deswegen; Phubbing hängt mit geringerer Beziehungszufriedenheit zusammen.
  4. Phubbing ist Doomscrolling aus der Perspektive der anderen - und anders als das einsame Scrollen hat es Zeugen, die es ansprechen können.

Was Phubbing bedeutet

Phubbing ist das, was passiert, wenn dein Gegenüber mitten im Gespräch aufs Handy schaut. Das Wort ist aus phone und snubbing (jemanden brüskieren, links liegen lassen) zusammengesetzt und bezeichnet das Ignorieren einer anwesenden Person zugunsten des Smartphones. Wer es tut, ist der Phubber; wer es erlebt, wird gephubbt. Im Deutschen hat sich keine Übersetzung durchgesetzt, obwohl das Verhalten jeder kennt - von beiden Seiten.

Woher der Begriff kommt

Phubbing ist ein seltener Fall: ein Wort, das absichtlich erfunden wurde. Im Mai 2012 lud das australische Macquarie Dictionary zusammen mit der Werbeagentur McCann Melbourne Sprachwissenschaftler, Autoren und Dichter ein, einen Begriff für ein Verhalten zu finden, das noch keinen hatte. Das Ergebnis war „phubbing“. Die Agentur baute daraus die Kampagne „Stop Phubbing“ mit einer Website, Plakaten und fingierten Statistiken, die sich weltweit verbreitete. Erst später wurde bekannt, dass die Kampagne eine Marketingaktion für das Wörterbuch war. Das Wort blieb trotzdem - weil es eine Lücke füllte.

Was die Forschung zeigt

Aus dem Werbewort wurde ein Forschungsgegenstand. Die einflussreichste Studie stammt von James Roberts und Meredith David von der Baylor University, veröffentlicht 2016 in Computers in Human Behavior. Sie befragten über 450 Erwachsene in den USA zum „Partner-Phubbing“ - dem Phubbing in Paarbeziehungen. 46,3 Prozent gaben an, von ihrem Partner oder ihrer Partnerin gephubbt zu werden, 22,6 Prozent sagten, dass es zu Konflikten in der Beziehung führe. Wer häufiger gephubbt wurde, stritt mehr und war unzufriedener mit der Beziehung - und diese Unzufriedenheit hing wiederum mit geringerer Lebenszufriedenheit und mehr depressiven Symptomen zusammen.

Spätere Studien haben das Bild erweitert. Phubbing durch Eltern hängt bei Jugendlichen mit problematischer Handynutzung zusammen: Eine chinesische Studie mit 726 Jugendlichen fand, dass gut die Hälfte häufiges elterliches Phubbing erlebte. Und Phubbing ist ansteckend - wer gephubbt wird, phubbt eher zurück, was das Verhalten in Gruppen normalisiert. Eine Übersichtsarbeit von 2025 schlägt sogar vor, Phubbing und Phubber-Verhalten als eigenständige Größen in die klinisch-psychologische Diagnostik aufzunehmen.

Warum es so wehtut, ist psychologisch gut erklärbar: Phubbing verletzt Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Bedeutsamkeit. Der Blick aufs Handy sagt dem Gegenüber, dass irgendetwas auf dem Bildschirm gerade wichtiger ist als es selbst. Dass das meist nicht so gemeint ist, ändert nichts an der Wirkung.

Was das mit Doomscrolling zu tun hat

Phubbing ist Doomscrolling aus der Perspektive der anderen. Wer am Esstisch den Liveticker verfolgt, doomscrollt und phubbt gleichzeitig. Der Zusammenhang geht aber tiefer: Beide Verhaltensweisen speisen sich aus derselben Quelle, dem Feed, der jederzeit etwas Neues verspricht. Wer Angst hat, etwas zu verpassen - die Forschung nennt das FOMO -, schaut häufiger aufs Handy, auch in Gesellschaft. Und wer in Krisenzeiten das Gefühl hat, ständig auf dem Laufenden bleiben zu müssen, nimmt das Handy mit an den Tisch, ins Gespräch, ins Bett.

Der Unterschied ist die Sichtbarkeit. Doomscrolling passiert meist allein, abends, unbeobachtet. Phubbing passiert vor Zeugen. Das macht es zum sozialen Problem, nicht nur zum individuellen - und paradoxerweise auch zur Chance: Wer gephubbt wird, kann es ansprechen. Wer allein doomscrollt, hat niemanden, der es bemerkt.

Was sich daraus ableiten lässt

Die Forschung zu Phubbing liefert eines der stärksten Argumente für handyfreie Zonen: nicht wegen der Bildschirmzeit, sondern wegen der Menschen, die dabei sind. Ein Handy, das beim Essen in einem anderen Raum liegt, verhindert nicht nur das Scrollen, sondern auch die Botschaft an alle am Tisch, dass sie gerade zweite Wahl sind. Und es erspart die Diskussion darüber, was gerade so wichtig war - denn das ist es fast nie.

Häufige Fragen

Ist Phubbing wirklich ein wissenschaftlicher Begriff?

Inzwischen ja. Auch wenn das Wort aus einer Werbekampagne stammt, wird es seit etwa 2016 in begutachteten Fachzeitschriften verwendet, es gibt validierte Skalen dafür (etwa die Partner Phubbing Scale von Roberts und David), und eine Übersichtsarbeit von 2025 diskutiert seine Aufnahme in die klinisch-psychologische Diagnostik.

Warum verletzt Phubbing so sehr, obwohl es meist nicht böse gemeint ist?

Weil es unabhängig von der Absicht eine Botschaft sendet: Etwas auf dem Bildschirm ist gerade wichtiger als du. Das verletzt Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Die Forschung zeigt, dass gephubbte Partner mehr streiten und unzufriedener sind - auch wenn der Phubber nur kurz eine Nachricht prüfen wollte.

Was hilft gegen Phubbing?

Am zuverlässigsten: das Handy in Gesellschaft außer Reichweite legen, nicht nur umgedreht auf den Tisch. Studien zeigen, dass schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones auf dem Tisch Gespräche oberflächlicher macht. Und wer gephubbt wird, darf es ansprechen - das ist der Vorteil gegenüber dem einsamen Doomscrolling.

Quellen

  1. Roberts, J. A. & David, M. E. (2016): My life has become a major distraction from my cell phone: Partner phubbing and relationship satisfaction among romantic partners. Computers in Human Behavior, 54, 134-141.
  2. Wikipedia (englisch): Phubbing - Herkunft des Begriffs und Forschungsüberblick.
  3. Phubbing and phubber behavior: A new perspective in clinical psychological assessment (2025). Übersichtsarbeit, PMC.

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