Begriff
JOMO - Joy of Missing Out
Die Freude daran, nicht dabei zu sein. Ein Begriff mit genauem Geburtstag, einer Prince-Anekdote und einem Kern, den die FOMO-Forschung stützt.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit
- Englisch
- joy of missing out (JOMO)
- Deutsch
- Freude am Verpassen
- Auch bekannt als
- Joy of Missing Out
- Herkunft
- Geprägt am 19. Juli 2012 vom Blogger und Unternehmer Anil Dash im Beitrag „JOMO!“ als bewusste Umkehrung von FOMO.
Kurz gesagt
- JOMO (joy of missing out) ist die Freude daran, etwas zu verpassen, weil man stattdessen etwas tut, das einem wichtiger ist - oder nichts.
- Geprägt am 19. Juli 2012 von Anil Dash in einem Blogbeitrag, nach der Geburt seines Sohnes und einem verpassten Prince-Konzert.
- JOMO lässt sich nicht beschließen: Die Freude kommt nicht aus dem Verzicht, sondern aus dem, was stattdessen da ist.
- Auf Nachrichten übertragen: eine Krise einen Abend lang nicht verfolgen und am Morgen merken, dass nichts fehlt.
Was JOMO bedeutet
JOMO steht für joy of missing out, die Freude daran, etwas zu verpassen. Es ist die bewusste Umkehrung von FOMO: Statt sich zu sorgen, dass andere gerade etwas Lohnendes erleben, freut man sich darüber, nicht dabei zu sein - weil man stattdessen etwas tut, das einem selbst wichtiger ist, oder schlicht nichts. JOMO ist kein Rückzug aus Trotz, sondern die Erfahrung, dass das Verpassen nichts kostet.
Woher der Begriff kommt
Der Begriff hat einen genauen Geburtstag: den 19. Juli 2012. An diesem Tag veröffentlichte der amerikanische Technologieunternehmer und Blogger Anil Dash einen Beitrag mit dem Titel „JOMO!“. Anlass war die Geburt seines Sohnes im Jahr zuvor. Dash beschrieb, wie er im ersten Lebensmonat des Kindes weitgehend offline war - und dabei feststellte, dass er nichts vermisste. In der Nacht, in der seine Frau in die Wehen kam, spielte Prince im Madison Square Garden, einer seiner Lieblingsmusiker. Er verpasste das Konzert, und es war ihm gleichgültig. Mehr noch: Es fühlte sich richtig an.
Daraus formulierte Dash eine Haltung. JOMO sei ein gelassenes, heiteres Vergnügen daran, zu wissen und zu feiern, dass andere gerade die Zeit ihres Lebens bei etwas haben, das man selbst gern erlebt hätte - und das man trotzdem auslässt. Sein eigentliches Argument war weniger romantisch: Statt der Technik die Schuld an unserer Unruhe zu geben, sollten wir uns die Entscheidungshoheit darüber zurückholen, was unsere Aufmerksamkeit verdient. Die Apps hätten sonst die Deutungshoheit über unsere Gefühle.
Warum JOMO mehr ist als ein Gegenwort
Es wäre leicht, JOMO als Wellness-Floskel abzutun, und in vielen Ratgebern ist es genau das geworden. Aber der Begriff trifft einen Punkt, den die FOMO-Forschung stützt. Andrew Przybylski und Kollegen zeigten 2013, dass FOMO dort am stärksten ist, wo psychologische Grundbedürfnisse unerfüllt bleiben: Kompetenz, Autonomie, Verbundenheit. Wer sich in seinem Leben handlungsfähig, selbstbestimmt und verbunden fühlt, hat weniger Angst, etwas zu verpassen. JOMO ist der Zustand, den diese Menschen beschreiben würden - nicht als Technik, sondern als Nebenwirkung eines Lebens, das gerade genug ist.
Das erklärt auch, warum man JOMO nicht einfach beschließen kann. Wer sich vornimmt, das Handy wegzulegen und sich zu freuen, wird sich vermutlich nicht freuen, sondern nervös werden. Die Freude kommt nicht aus dem Verzicht, sondern aus dem, was stattdessen da ist. Dashs Beispiel ist deshalb so treffend: Er hat nicht auf ein Konzert verzichtet, er hat ein Kind bekommen.
Was das mit Doomscrolling zu tun hat
Auf Nachrichten übertragen ist JOMO die Erfahrung, eine Krise einen Abend lang nicht verfolgt zu haben - und am Morgen festzustellen, dass nichts fehlt. Das Ergebnis der Wahlnacht steht fest, ob man wach war oder nicht. Die Entwicklung im Konflikt lässt sich in fünf Minuten nachlesen, statt in fünf Stunden mitzuleiden. Wer das einmal erlebt hat, hat einen Beleg gegen die Grundannahme des Doomscrollings: dass man dabei sein muss, um informiert zu sein.
Der Reuters Digital News Report 2025 zeigt, dass viele Menschen in Deutschland diesen Weg gehen: 71 Prozent meiden zumindest gelegentlich aktiv Nachrichten. Ob das JOMO ist oder Erschöpfung, hängt davon ab, wie es sich anfühlt. Erschöpfung ist Flucht vor etwas. JOMO ist Hinwendung zu etwas anderem. Der Unterschied zwischen beidem ist der Unterschied zwischen Nachrichtenvermeidung und informiertem Konsum mit Grenzen.
Was sich daraus ableiten lässt
JOMO ist kein Ziel, das man erreicht, indem man weniger scrollt. Es ist ein Indikator dafür, ob das Weniger-Scrollen funktioniert. Wenn der Abend ohne Feed sich leer anfühlt, ist noch etwas nicht in Ordnung - dann fehlt das, was den Feed ersetzen soll. Wenn er sich voll anfühlt, ist es JOMO. Das ist der eigentliche Wert des Begriffs: Er verschiebt die Frage von „Wie höre ich auf?“ zu „Was tue ich stattdessen?“.
Häufige Fragen
Ist JOMO dasselbe wie Digital Detox?
Nein. Digital Detox ist eine Maßnahme - eine Zeit ohne Geräte. JOMO ist ein Zustand: die Erfahrung, dass das Verpassen nichts kostet. Man kann einen Detox machen und die ganze Zeit FOMO haben. Und man kann JOMO erleben, ohne je ein Gerät auszuschalten, weil das eigene Leben gerade genug ist.
Kann man JOMO lernen?
Indirekt. Die FOMO-Forschung zeigt, dass die Angst, etwas zu verpassen, dort schwächer ist, wo Grundbedürfnisse nach Kompetenz, Autonomie und Verbundenheit erfüllt sind. Wer daran arbeitet, bekommt JOMO als Nebenwirkung. Wer nur versucht, weniger aufs Handy zu schauen, bekommt meist Nervosität.
Quellen
- Dash, A. (2012): JOMO! Blogbeitrag vom 19. Juli 2012.
- Przybylski, A. K., Murayama, K., DeHaan, C. R. & Gladwell, V. (2013): Motivational, emotional, and behavioral correlates of fear of missing out. Computers in Human Behavior, 29(4), 1841-1848.
- Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut (2025): Reuters Institute Digital News Report 2025 - Ergebnisse für Deutschland.