Begriff
Attention Residue
Du legst das Handy weg, aber ein Teil von dir ist noch im Feed. Ein Forschungsbegriff aus der Arbeitspsychologie, der erklärt, warum man nach dem Scrollen zerstreut ist - und nach dem Doomscrolling nicht schlafen kann.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit
- Englisch
- attention residue
- Deutsch
- Aufmerksamkeitsrest, Aufmerksamkeitsrückstand
- Auch bekannt als
- Aufmerksamkeitsrest, Task-Switching-Kosten (verwandt)
- Herkunft
- Geprägt 2009 von der Organisationspsychologin Sophie Leroy im Aufsatz „Why is it so hard to do my work?“ (Organizational Behavior and Human Decision Processes).
Kurz gesagt
- Attention Residue ist der Aufmerksamkeitsrest, der von einer unabgeschlossenen Aufgabe bleibt, wenn man zu einer anderen wechselt - und der die neue Aufgabe messbar stört.
- Geprägt 2009 von Sophie Leroy: Wer eine Aufgabe unfertig verlässt, schneidet in der nächsten durchgehend schlechter ab; der Rest verblasst nicht.
- Ein Feed besteht aus nichts als Unabgeschlossenem - fünfzig Fragmente in zehn Minuten, jedes mit Rest. Deshalb ist man nach dem Scrollen zerstreut statt entspannt.
- Krisen sind per Definition nicht abgeschlossen. Deshalb nimmt man den Liveticker vollständig mit ins Bett - auch wenn das Handy aus ist.
Was Attention Residue bedeutet
Attention Residue, auf Deutsch Aufmerksamkeitsrest oder Aufmerksamkeitsrückstand, beschreibt das, was von einer Aufgabe im Kopf bleibt, wenn man zu einer anderen wechselt. Du liest eine Nachricht, legst das Handy weg und gehst zurück an deine Arbeit - aber ein Teil deiner Aufmerksamkeit ist noch bei der Nachricht. Nicht bewusst, nicht als Gedanke, sondern als Belegung: Ein Stück deiner Verarbeitungskapazität ist noch mit dem Vorherigen beschäftigt und steht dem Jetzigen nicht zur Verfügung. Das ist der Rest. Und er ist umso größer, je weniger abgeschlossen das war, was man verlassen hat.
Woher der Begriff kommt
Geprägt hat ihn die Organisationspsychologin Sophie Leroy, heute an der University of Washington Bothell, in einem Aufsatz von 2009 mit dem Titel „Why is it so hard to do my work?“ - warum ist es so schwer, meine Arbeit zu erledigen? Der Titel beschreibt das Alltagsproblem, das sie untersuchte: Wissensarbeiter wechseln ständig zwischen Aufgaben, und obwohl jeder Wechsel nur Sekunden dauert, fühlt sich der Tag am Ende zerfasert und unproduktiv an. Leroys Experimente lieferten die Erklärung.
Ihr Aufbau war schlicht: Versuchspersonen bearbeiteten eine erste Aufgabe und wechselten dann zu einer zweiten. Der entscheidende Unterschied lag darin, ob die erste Aufgabe abgeschlossen war oder unterbrochen wurde. Das Ergebnis: Wer die erste Aufgabe unfertig verlassen hatte, schnitt in der zweiten schlechter ab - und zwar nicht nur in den ersten Sekunden, sondern durchgehend. Der Rest verblasste nicht, er blieb. Leroy schloss daraus, dass unabgeschlossene Aufgaben einen Teil der kognitiven Ressourcen dauerhaft binden, bis sie abgeschlossen sind oder zumindest ein Gefühl von Abschluss entsteht.
Warum das für den Feed relevant ist
Leroy untersuchte Arbeitsaufgaben. Aber ihr Befund lässt sich auf etwas übertragen, das die Struktur der unabgeschlossenen Aufgabe in Reinform hat: den Feed. Ein Feed besteht aus nichts als Unabgeschlossenem. Jeder Beitrag ist ein Anfang ohne Ende, jede Meldung ein Fragment, jeder Thread ein Gespräch, das weitergeht, wenn man geht. Wer zehn Minuten scrollt, verlässt nicht eine unfertige Aufgabe, sondern fünfzig. Und jede davon hinterlässt nach Leroys Logik einen Rest.
Das erklärt einen Effekt, den viele kennen, ohne ihn benennen zu können: Nach dem Scrollen ist man nicht entspannt, sondern zerstreut. Man kommt schwer in das zurück, was man vorher getan hat. Die Konzentration ist weg, obwohl man sich doch nur kurz abgelenkt hat. Der Grund ist nicht die Ablenkung selbst, sondern ihr Rest - fünfzig kleine Belegungen, die nicht abgeschlossen wurden und deshalb weiterlaufen.
Was das mit Doomscrolling zu tun hat
Bei Krisennachrichten ist der Rest am größten, weil die Unabgeschlossenheit am größten ist. Eine Krise ist per Definition nicht abgeschlossen; jede Meldung dazu ist ein Zwischenstand. Wer den Liveticker verlässt, verlässt eine Aufgabe, die sich nicht abschließen lässt - und nimmt sie deshalb vollständig mit. Das ist der Mechanismus hinter der Erfahrung, dass man nach dem Doomscrolling nicht einschlafen kann: Der Kopf ist noch beim Ticker, auch wenn das Handy aus ist. Leroys Forschung legt nahe, dass genau diese Unabgeschlossenheit der Grund ist - nicht die Inhalte allein, sondern ihr offenes Ende.
Der Zusammenhang erklärt auch, warum das Scrollen weitergeht: Der Rest verlangt nach Abschluss, und der Feed verspricht ihn im nächsten Beitrag. Man scrollt weiter, um den Rest loszuwerden, und erzeugt dabei neue. Das ist derselbe Kreislauf, den der Text Warum du nicht aufhören kannst aus einer anderen Richtung beschreibt.
Was sich daraus ableiten lässt
Leroys Forschung hat einen praktischen Kern: Reste entstehen durch Unabgeschlossenheit, also hilft Abschluss. Für Arbeitsaufgaben heißt das, eine Aufgabe zu Ende zu bringen, bevor man wechselt, oder zumindest kurz festzuhalten, wo man steht. Für den Feed heißt es: Formate wählen, die ein Ende haben. Ein Artikel hat eines, ein Newsletter hat eines, eine Nachrichtensendung hat eines. Ein Feed hat keines - und hinterlässt deshalb den größten Rest. Wer abends informiert sein und danach schlafen will, ist mit einem Text, der aufhört, besser bedient als mit einem Strom, der nicht aufhört. Diese Seite ist deshalb so gebaut: Jeder Text hier hat ein Ende.
Häufige Fragen
Ist Attention Residue dasselbe wie Multitasking-Kosten?
Verwandt, aber nicht identisch. Die Kosten des Aufgabenwechsels (Task-Switching) beschreiben den Zeit- und Leistungsverlust im Moment des Wechsels. Attention Residue beschreibt, was danach bleibt: eine anhaltende Belegung durch die verlassene Aufgabe, die die neue über ihre ganze Dauer stört. Leroys Beitrag war der Nachweis, dass dieser Rest nicht verblasst, solange die alte Aufgabe offen bleibt.
Wie werde ich den Rest wieder los?
Durch Abschluss oder ein Gefühl von Abschluss. Bei Arbeitsaufgaben hilft es, kurz festzuhalten, wo man steht und was als Nächstes kommt - das schließt die Aufgabe im Kopf vorläufig. Beim Feed gibt es keinen Abschluss, deshalb hilft nur, ihn durch Formate zu ersetzen, die eines haben: einen Artikel, einen Newsletter, eine Sendung.