Begriff
News Avoidance - Nachrichtenvermeidung
71 Prozent der Menschen in Deutschland meiden zumindest gelegentlich aktiv Nachrichten - ein Höchstwert. Was der Begriff bedeutet, warum die Mehrheit aussteigt und warum Vermeidung nicht das Gegenteil von Doomscrolling ist, sondern oft seine Folge.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit
- Englisch
- news avoidance
- Deutsch
- Nachrichtenvermeidung, Nachrichtenverweigerung
- Auch bekannt als
- Nachrichtenvermeidung, Selective News Avoidance, Nachrichtenmüdigkeit (verwandt)
- Herkunft
- Forschungsbegriff der Kommunikationswissenschaft; seit 2017 jährlich im Reuters Institute Digital News Report gemessen, 2020 von Skovsgaard und Andersen systematisiert.
Kurz gesagt
- News Avoidance ist das absichtliche oder unabsichtliche Ausweichen vor Nachrichten; die Forschung (Skovsgaard und Andersen, 2020) unterscheidet beide Formen.
- Reuters Digital News Report 2025 für Deutschland: 71 Prozent vermeiden zumindest gelegentlich aktiv Nachrichten; Hauptgründe sind die Wirkung auf die Stimmung (48 Prozent) und zu viel Krieg und Konflikt (39 Prozent).
- Nachrichtenvermeidung ist häufig die Folge von Doomscrolling: erst Dauerkonsum, dann Erschöpfung, dann der Stecker.
- Der Ausweg ist keine Vermeidung, sondern Dosierung: Nachrichten mit Anfang, Ende und selbst gewählten Quellen.
Was News Avoidance bedeutet
News Avoidance, auf Deutsch Nachrichtenvermeidung, bezeichnet das bewusste oder unbewusste Ausweichen vor Nachrichten - das Wegklicken, Stummschalten, Nicht-mehr-Öffnen. Die Forschung unterscheidet zwei Formen. Die absichtliche Vermeidung: Menschen entscheiden sich aktiv gegen Nachrichten, weil sie ihnen zu viel werden, sie belasten oder sie ihnen nicht trauen. Und die unabsichtliche Vermeidung: Menschen begegnen Nachrichten einfach nicht mehr, weil ihr Alltag und ihre Feeds sie nicht mehr liefern. Der dänische Kommunikationsforscher Morten Skovsgaard und Kim Andersen haben diese Unterscheidung 2020 systematisiert; sie ist wichtig, weil beide Formen unterschiedliche Ursachen und unterschiedliche Folgen haben.
Auf dieser Seite geht es vor allem um die absichtliche Form, weil sie die Kehrseite des Doomscrollings ist.
Die Zahlen für Deutschland
Der Reuters Institute Digital News Report ist die wichtigste jährliche Erhebung dazu. Für Deutschland führt ihn das Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg durch, 2025 mit rund 2.000 Befragten im Januar. Das Ergebnis ist ein Höchstwert: 71 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland vermeiden zumindest gelegentlich aktiv Nachrichten, im Vorjahr waren es 69 Prozent. Als Gründe nennen 48 Prozent die negative Wirkung auf ihre Stimmung, 39 Prozent zu viel Berichterstattung über Krieg und Konflikte. 39 Prozent geben an, sich von der Menge an Nachrichten erschöpft zu fühlen. Nur 45 Prozent sagen, man könne dem Großteil der Nachrichten in der Regel vertrauen.
Diese Zahlen beschreiben keine Randgruppe. Sie beschreiben die Mehrheit. Nachrichtenvermeidung ist in Deutschland der Normalfall geworden, nicht die Ausnahme.
Warum Menschen Nachrichten meiden
Die Gründe, die in Befragungen genannt werden, lassen sich in drei Gruppen ordnen. Erstens die emotionale Belastung: Nachrichten machen schlechte Laune, Angst oder Wut, und das Gefühl, nichts tun zu können, verstärkt das. Zweitens die Überforderung: Es sind zu viele, sie kommen zu schnell, und sie hören nie auf. Drittens das Misstrauen: Wer Nachrichten für verzerrt oder unglaubwürdig hält, hat wenig Grund, sie zu konsumieren. Die ersten beiden Gründe sind die, die direkt mit dem Feed zusammenhängen - und mit dem Doomscrolling.
Was das mit Doomscrolling zu tun hat
Nachrichtenvermeidung sieht aus wie das Gegenteil von Doomscrolling, ist aber häufig seine Folge. Der Weg ist typisch: Erst der Dauerkonsum in einer Krise, dann die Erschöpfung, dann der Stecker. Wer monatelang jeden Abend durch Krisenmeldungen gescrollt hat, ohne dass es ihm besser ging, zieht irgendwann die einzige Konsequenz, die ein Feed ohne Ende zulässt - den Totalausstieg. Beide Verhaltensweisen sind Reaktionen auf dasselbe Problem: einen Nachrichtenkonsum, der keine Form hat. Kein Anfang, kein Ende, keine Dosis.
Das Problem an der Vermeidung als Lösung: Sie trifft nicht nur den Feed, sondern auch die Informationen, die das eigene Leben betreffen. Wer alle Nachrichten meidet, verpasst auch die Unwetterwarnung, die Gesetzesänderung, die Wahl. Die Forschung zeigt, dass Nachrichtenvermeider weniger über das politische Geschehen wissen - was niemanden überrascht, aber für eine Demokratie ein Problem ist, wenn es die Mehrheit betrifft.
Was sich daraus ableiten lässt
Der Ausweg liegt nicht zwischen Dauerkonsum und Totalverzicht, sondern in einer dritten Form: Nachrichten mit Anfang und Ende. Ein oder zwei feste Zeitpunkte am Tag, selbst gewählte Quellen, Formate, die einordnen statt alarmieren, und kein Feed, der entscheidet, was man als Nächstes sieht. Das ist keine Vermeidung, sondern Dosierung - und es ist die Form, die Nachrichtenkonsum jahrzehntelang hatte, bevor der Feed sie aufgelöst hat. Mehr dazu im Text Doomscrolling oder informiert bleiben.
Häufige Fragen
Ist Nachrichtenvermeidung schlecht?
Gelegentliche Pausen sind eine gesunde Reaktion auf einen überfordernden Nachrichtenstrom. Problematisch wird es, wenn aus der Pause ein dauerhafter Ausstieg wird, weil dann auch die Informationen fehlen, die das eigene Leben und die Gesellschaft betreffen. Die Forschung zeigt, dass Nachrichtenvermeider weniger über das politische Geschehen wissen.
Wer meidet Nachrichten am häufigsten?
In den Reuters-Daten sind es tendenziell Jüngere, Frauen und Menschen mit geringerem politischem Interesse - wobei die Vermeidung inzwischen so verbreitet ist, dass sie alle Gruppen betrifft. Die Gründe unterscheiden sich: Jüngere nennen eher Überforderung und Stimmung, Ältere eher Misstrauen.
Quellen
- Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut (2025): Reuters Institute Digital News Report 2025 - Ergebnisse für Deutschland.
- Reuters Institute for the Study of Journalism (2025): Digital News Report 2025.
- Skovsgaard, M. & Andersen, K. (2020): Conceptualizing News Avoidance: Towards a Shared Understanding of Different Causes and Potential Solutions. Journalism Studies, 21(4), 459-476.