Begriff
Pull-to-Refresh
Nach unten ziehen, loslassen, warten, was kommt. Eine Geste, die als Platzersparnis erfunden wurde - und zum Symbol für Design geworden ist, das wie ein Spielautomat funktioniert.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit
- Englisch
- pull-to-refresh, pull to refresh
- Deutsch
- Ziehen zum Aktualisieren
- Auch bekannt als
- Swipe-to-Refresh, Pull-Down-Refresh
- Herkunft
- Erfunden von Loren Brichter für die iPhone-App Tweetie (Ende der 2000er-Jahre); nach der Übernahme von Tweetie durch Twitter 2010 patentiert.
Kurz gesagt
- Pull-to-Refresh ist die Ziehgeste zum Aktualisieren eines Feeds; sie löst eine Abfrage aus und erzeugt eine halbe Sekunde Ungewissheit.
- Erfunden von Loren Brichter für die Twitter-App Tweetie, um einen Aktualisieren-Knopf einzusparen; Twitter patentierte die Geste später.
- Tristan Harris verglich sie 2016 mit dem Hebel eines Spielautomaten: eine Belohnung nach dem Zufallsprinzip, das Muster, das Verhalten am zuverlässigsten aufrechterhält.
- In Krisen ist die Ziehgeste die einzige Handlung, die dem Zuschauer bleibt - sie fühlt sich an wie Tun und ist nur Abfragen.
Was Pull-to-Refresh bedeutet
Pull-to-Refresh ist die Geste, mit der du einen Feed aktualisierst: Du ziehst die Liste mit dem Daumen nach unten, lässt los, ein kleines Rad dreht sich, und dann erscheinen - vielleicht - neue Inhalte oben. Jeder kennt sie, kaum jemand denkt über sie nach. Sie ist so selbstverständlich geworden, dass Menschen sie auch in Apps versuchen, die sie gar nicht unterstützen.
Die Geste tut zwei Dinge gleichzeitig. Sie löst technisch eine Abfrage aus: Gibt es etwas Neues? Und sie erzeugt psychologisch eine kleine Spannung: Was kommt? Das Rad dreht sich, eine halbe Sekunde Ungewissheit, dann die Auflösung. Manchmal ist es viel, manchmal nichts. Genau diese Ungewissheit macht die Geste zu mehr als einer Bedienhilfe.
Woher die Geste kommt
Erfunden hat Pull-to-Refresh der amerikanische Entwickler Loren Brichter für seine Twitter-App Tweetie, Ende der 2000er-Jahre. Seine Motivation war rein praktisch: Jede App der damaligen Zeit brauchte irgendwo einen Aktualisieren-Knopf, und dieser Knopf verbrauchte Platz an der wertvollsten Stelle des Bildschirms. Brichters Idee war, die Geste, die man am oberen Ende einer Liste ohnehin macht - weiter nach oben ziehen, obwohl nichts mehr kommt -, als Auslöser zu verwenden. Twitter kaufte Tweetie 2010 und ließ sich die Geste patentieren, versprach aber, das Patent nur defensiv einzusetzen. Heute ist sie überall: in Mail-Programmen, Nachrichten-Apps, mobilen Browsern.
Brichter selbst stört heute weniger die Verbreitung als der Name. Er hätte die Geste lieber als „pull-to-do-action“ gesehen, als allgemeines Ziehen-um-etwas-auszulösen, nicht festgelegt aufs Aktualisieren. Dass sie in der Kritik zum Symbol für manipulatives Design geworden ist, hatte er nicht vorgesehen.
Der Vergleich mit dem Spielautomaten
Der Vergleich, der Pull-to-Refresh berühmt gemacht hat, stammt von Tristan Harris. Der frühere Designethiker bei Google beschrieb 2016 in einem vielgelesenen Essay, wie Smartphones wie Spielautomaten funktionieren: Man zieht am Hebel und weiß nicht, was kommt. Beim Spielautomaten ist der Hebel ein Hebel, beim Feed ist er die Ziehgeste. Beide liefern eine Belohnung nach dem Zufallsprinzip - manchmal viel, manchmal nichts -, und genau dieses Muster, die variable Belohnung, ist seit den Experimenten des Verhaltensforschers B. F. Skinner als das bekannt, das Verhalten am zuverlässigsten aufrechterhält. Harris rechnete vor, dass Menschen ihr Handy rund 150-mal am Tag prüfen, und dass Spielautomaten in den USA mehr Umsatz machen als Baseball, Kino und Freizeitparks zusammen. Sein Punkt: Wenn ein Design wie ein Spielautomat gebaut ist, verhält es sich auch so.
Man muss den Vergleich nicht überstrapazieren. Niemand verliert durch Pull-to-Refresh sein Haus. Aber die Struktur ist dieselbe, und sie wurde nicht zufällig so gebaut: Eine Geste, die immer sofort und vorhersehbar dasselbe liefert, würde man nach ein paar Wochen nicht mehr aus Gewohnheit ausführen.
Was das mit Doomscrolling zu tun hat
Pull-to-Refresh ist die Geste des Doomscrollings in Krisen. Wer einen Liveticker verfolgt, scrollt nicht nach unten - er zieht nach oben, immer wieder, alle paar Minuten, um zu sehen, ob es ein neues Update gibt. In der Wahlnacht, bei der Naturkatastrophe, während eines Angriffs ist die Ziehgeste die einzige Handlung, die dem Zuschauer zur Verfügung steht. Sie fühlt sich an wie Tun. Sie ist aber nur Abfragen.
Das Perfide ist die Belohnungsstruktur in der Krise: Meistens gibt es nichts Neues, was die Ungewissheit erhält. Gelegentlich gibt es ein Update, was die Geste bestätigt. Und wenn das Update schlecht ist - was in einer Krise die Regel ist -, erhöht es die Anspannung, die zur nächsten Ziehgeste führt. So entsteht ein Kreislauf, der sich mit jedem Ziehen selbst antreibt. Warum er sich so schwer unterbrechen lässt, steht im Text Warum du nicht aufhören kannst.
Was sich daraus ableiten lässt
Die Geste ist nicht das Problem, sondern das, was sie in bestimmten Situationen auslöst. In einer Mail-App aktualisiert sie den Posteingang, und niemand doomscrollt in seinem Posteingang. In einem Krisen-Ticker wird sie zum Hebel eines Spielautomaten, der nur Verluste auszahlt. Der Unterschied liegt nicht in der Geste, sondern im Inhalt und in der Situation - und das ist eine gute Nachricht, weil es bedeutet, dass nicht das Handy weg muss, sondern nur der Ticker um Mitternacht.
Häufige Fragen
Ist Pull-to-Refresh absichtlich wie ein Spielautomat gebaut?
Der Erfinder Loren Brichter wollte einen Knopf einsparen, nicht ein Belohnungsmuster erzeugen. Dass die Geste wie ein Hebel wirkt, ist eine Folge ihrer Struktur, nicht seiner Absicht. Ob die Plattformen, die sie übernommen haben, das Belohnungsmuster bewusst nutzen, ist eine andere Frage - und die Antwort ist nach allem, was Insider berichten, ja.
Warum ziehe ich den Feed nach unten, obwohl ich gerade erst aktualisiert habe?
Weil die Geste sich zur Gewohnheit verfestigt hat und weil die Ungewissheit, ob etwas Neues da ist, selbst der Reiz ist. Das ist das Prinzip der variablen Belohnung: Nicht die sichere Belohnung hält das Verhalten aufrecht, sondern die mögliche. Nach zehn Sekunden ist die Wahrscheinlichkeit eines Updates minimal - aber sie ist nicht null, und das reicht.