Forschung

Meinhardt u. a. (2026): Was gegen Infinite Scroll hilft - und wie lange

Zeitlimits funktionieren die erste Woche und dann nicht mehr. Eine Feldstudie erklärt, warum - und zeigt, dass die beste Gegenmaßnahme davon abhängt, wie impulsiv man ist.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit

Autor:innen
Luca-Maxim Meinhardt, Manuela Dragic, Mark Colley, Kai Lukoff, Enrico Rukzio (Universität Ulm, Santa Clara University)
Jahr
2026
Veröffentlicht in
Proceedings of the ACM on Interactive, Mobile, Wearable and Ubiquitous Technologies (IMWUT)
Stichprobe
104 Teilnehmende, Nutzer von Kurzvideo-Plattformen, siebentägige Feldstudie auf dem eigenen Gerät
Methode
Randomisierte Within-subject-Feldstudie: Vergleich von drei Interventionen gegen endloses Scrollen (Pop-up, visuelle graduelle Friktion, haptische graduelle Friktion); Erhebung von Wirksamkeit über die Zeit, Nutzungskontext und Persönlichkeitsmerkmalen wie Impulsivität

Kurz gesagt

  1. Siebentägige Feldstudie mit 104 Teilnehmenden auf Kurzvideo-Plattformen; jede Person erlebte drei Eingriffe: Pop-up, visuell ansteigende Friktion, haptisch ansteigende Friktion.
  2. Das Pop-up wirkte zuerst am stärksten und verlor am schnellsten; die visuelle graduelle Friktion hielt in der subjektiven Bewertung am längsten.
  3. Impulsivität entscheidet: Bei wenig impulsiven Menschen war die Art des Eingriffs fast egal, bei stark impulsiven war das explizite Pop-up am wirksamsten.
  4. Der Nutzungskontext spielte kaum eine Rolle. Es gibt keine Lösung für alle - die Frage ist, für wen welche passt.

Worum es ging

Wer gegen endloses Scrollen etwas tun will, greift meist zu einem Zeitlimit: Nach zwanzig Minuten erscheint ein Fenster, das sagt, dass die Zeit um ist. Jeder, der so ein Fenster schon einmal weggetippt hat, kennt das Problem. Ein Team um Luca-Maxim Meinhardt von der Universität Ulm, zu dem auch Kai Lukoff von der Santa Clara University gehört, einer der bekanntesten Forscher zu digitalem Wohlbefinden, wollte wissen, ob es besser geht - und ob „besser“ für alle Menschen dasselbe bedeutet. Die Fragen: Wirkt ein Eingriff, der langsam ansteigt, länger als ein plötzliches Pop-up? Hängt die Wirkung von der Situation ab, in der man scrollt? Und hängt sie von der Person ab, davon, wie impulsiv jemand ist?

Wie vorgegangen wurde

Eine Feldstudie über sieben Tage mit 104 Teilnehmenden, die Kurzvideo-Plattformen wie TikTok nutzen. Feldstudie heißt: nicht im Labor, sondern im Alltag, auf dem eigenen Gerät. Verglichen wurden drei Eingriffe, die während des Scrollens einsetzen. Erstens ein klassisches Pop-up, das den Feed unterbricht und zum Aufhören auffordert. Zweitens eine visuelle graduelle Friktion: eine Veränderung der Darstellung, die mit fortschreitender Nutzung langsam stärker wird, ohne den Feed zu blockieren. Drittens eine haptische graduelle Friktion: eine Vibration, die ebenfalls schrittweise zunimmt. Jede Person erlebte alle Bedingungen - ein sogenanntes Within-subject-Design, das die Vergleiche schärfer macht, weil jeder sein eigener Vergleichsmaßstab ist. Zusätzlich wurden Kontext der Nutzung und Persönlichkeitsmerkmale erhoben, darunter Impulsivität.

Was herauskam

Das Pop-up wirkte zunächst am stärksten - und verlor seine Wirkung am schnellsten. Nach wenigen Tagen war es das, was Pop-ups im Alltag immer werden: eine Geste, die man wegwischt. Die visuelle graduelle Friktion hielt in der subjektiven Bewertung am längsten durch. Sie war anfangs weniger auffällig, blieb aber wirksam, vermutlich weil sie sich nicht als Unterbrechung anfühlt, gegen die man sich wehrt, sondern als Zustand, der langsam unangenehm wird.

Der zweite Befund ist der wichtigere. Die Wirkung hing stark von der Person ab. Bei wenig impulsiven Teilnehmenden machte die Art des Eingriffs kaum einen Unterschied - sie reagierten auf alles ähnlich. Bei stark impulsiven Teilnehmenden dagegen gab es große Unterschiede, und hier war ausgerechnet das explizite Pop-up am wirksamsten, nicht die sanfte Variante. Wer zum impulsiven Weitermachen neigt, braucht offenbar den harten Schnitt; wer es nicht tut, kommt mit dem sanften Hinweis besser zurecht. Der Kontext der Nutzung - wo, wann, in welcher Situation gescrollt wurde - spielte dagegen kaum eine Rolle.

Was das bedeutet

Die Studie ist eine der ersten, die Gegenmaßnahmen gegen endloses Scrollen nicht nur auf ihre Wirkung, sondern auf ihre Dauer prüft. Und sie liefert eine Erklärung für eine verbreitete Erfahrung: Zeitlimits funktionieren die erste Woche und dann nicht mehr. Das liegt nicht an mangelnder Disziplin, sondern daran, dass ein Pop-up eine Unterbrechung ist, und Unterbrechungen lernt man zu übergehen. Ein Eingriff, der langsam ansteigt, lässt sich nicht so leicht übergehen, weil es keinen einzelnen Moment gibt, in dem man ihn wegtippen könnte.

Die zweite Lehre widerspricht der Idee einer Lösung für alle. Was bei einer Person wirkt, kann bei einer anderen verpuffen, und der entscheidende Unterschied ist die Impulsivität. Das hat eine praktische Konsequenz: Wer weiß, dass er zum impulsiven Weitermachen neigt, sollte auf harte, explizite Grenzen setzen - und sie nicht als Bevormundung empfinden, sondern als das Werkzeug, das für ihn nachweislich am besten funktioniert. Wer das nicht tut, kann sanftere Mittel wählen, die länger halten.

Für den Bereich Was hilft auf dieser Seite ist die Studie der Grund, warum dort nicht eine Methode empfohlen wird, sondern gefragt wird, für wen welche passt.

Einschränkungen

  • Sieben Tage: Die Studie zeigt, wie schnell Wirkung nachlässt, aber nicht, was nach Wochen oder Monaten passiert.
  • Wirksamkeit teilweise über subjektive Bewertungen erfasst; wie stark sich die tatsächliche Nutzungszeit veränderte, ist damit nicht vollständig abgebildet.
  • Nur Kurzvideo-Plattformen; ob die Befunde auf Nachrichten-Feeds übertragbar sind, ist nicht untersucht.
  • Junge Studie (2026), noch ohne unabhängige Replikation.

Häufige Fragen

Was ist graduelle Friktion?

Ein Eingriff, der nicht plötzlich unterbricht, sondern mit fortschreitender Nutzung langsam stärker wird - etwa eine Darstellung, die sich schrittweise verändert, oder eine Vibration, die zunimmt. Der Gedanke: Ein Pop-up hat einen Moment, in dem man es wegtippt. Etwas, das langsam unangenehmer wird, hat diesen Moment nicht und lässt sich deshalb schwerer ignorieren.

Soll ich mein Zeitlimit also abschalten?

Nicht unbedingt. Die Studie legt nahe, dass Pop-ups schnell an Wirkung verlieren - außer bei impulsiven Menschen, für die der harte Schnitt am besten funktioniert. Wer sich selbst als impulsiv kennt, ist mit einem klaren Limit gut beraten. Wer es nicht ist, kann sanftere Mittel probieren, etwa den Graustufenmodus oder den chronologischen Feed - Mittel, die nicht auf Unterbrechung setzen und deshalb nichts haben, was man wegtippen könnte.

Quellen

  1. Meinhardt, L.-M., Dragic, M., Colley, M., Lukoff, K. & Rukzio, E. (2026): Can’t Stop: How Context and Individual Traits Influence Effectiveness of Different Gradual Interventions for Infinite Scrolling on Short-Form Video Platforms. Proceedings of the ACM on Interactive, Mobile, Wearable and Ubiquitous Technologies.

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