Forschung

Forschungsstand Doomscrolling: Was wir wissen und was nicht

Die Forschung zum Doomscrolling ist so alt wie das Wort: sechs Jahre. Was sich daraus belastbar sagen lässt, was nicht - und warum die Einschränkungen zu jedem Ergebnis dazugehören.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Ein Scoping Review von 2026 zählt rund fünfzig empirische Studien zum Doomscrolling, fast alle seit 2021. Das Feld ist jung und klärt noch seine Begriffe.
  2. Belastbar: Doomscrolling ist messbar und unterscheidbar; es hängt konsistent mit Angst, Stress und schlechterem Befinden zusammen; schon Minuten Exposition wirken experimentell nachweisbar.
  3. Nicht belastbar: die Richtung des Zusammenhangs (Ursache oder Folge), die Verbreitung in der Bevölkerung, die Langzeitwirkung. Fast alle Studien sind Querschnitt.
  4. Doomscrolling ist keine Diagnose. Es wird als Verhaltensmuster erforscht, nicht als Krankheit.

Ein junges Feld

Das Wort Doomscrolling ist 2020 populär geworden, und die Forschung dazu ist genauso alt. Vorher gab es Forschung zu verwandten Dingen - zu Medienkonsum nach Katastrophen, zu problematischer Social-Media-Nutzung, zu Nachrichtenvermeidung -, aber nicht zu diesem Verhalten unter diesem Namen. Das erste Messinstrument, die Doomscrolling Scale, erschien Anfang 2022. Ein Scoping Review aus dem Jahr 2026, das den Stand systematisch erfasst, fand rund fünfzig empirische Studien, fast alle aus den Jahren 2021 bis 2025. Zum Vergleich: Zur Wirkung von Fernsehgewalt gibt es tausende. Wer über Doomscrolling liest, liest über ein Feld, das gerade erst seine Begriffe klärt.

Das ist kein Grund, die Befunde zu ignorieren. Es ist ein Grund, sie richtig zu gewichten. Diese Seite fasst zusammen, was sich aus den bisherigen Studien belastbar sagen lässt, was nicht, und woran das liegt.

Was sich belastbar sagen lässt

Doomscrolling ist messbar und von normalem Nachrichtenkonsum unterscheidbar. Die Doomscrolling Scale von Sharma, Lee und Johnson erfasst es mit 15 Fragen, eine türkische Arbeitsgruppe um Seydi Ahmet Satici hat sie 2023 in einer anderen Kultur bestätigt und eine Kurzform mit vier Fragen entwickelt. Was gemessen wird, korreliert mit dem, womit es korrelieren sollte - problematischer Internetnutzung, FOMO, Angst, geringer Selbstkontrolle -, aber es geht darin nicht auf. Doomscrolling ist nicht einfach viel Nachrichtenkonsum.

Doomscrolling hängt mit schlechterem Befinden zusammen. Das ist der konsistenteste Befund des Feldes. Das Scoping Review von 2026 listet als wiederkehrende Korrelate: Angst, depressive Symptome, Stress, psychische Belastung, geringeres Wohlbefinden, Schlafprobleme. Die Studie von Shabahang und Kollegen fand 2024 in zwei sehr verschiedenen Ländern denselben Zusammenhang mit existenzieller Angst. Die Richtung dieser Zusammenhänge ist allerdings meist nicht geklärt - dazu gleich mehr.

Kurze Exposition hat messbare Effekte. Das ist der Befund, der am wenigsten von der Korrelationsfrage abhängt, weil er experimentell gewonnen wurde. Buchanan und Kollegen zeigten 2021, dass schon zwei bis vier Minuten Krisennachrichten die Stimmung messbar senken - während dieselbe Zeit mit freundlichen Inhalten das nicht tut. Die Effekte sind klein. Aber sie treten nach Minuten auf, nicht nach Monaten.

Medienkonsum nach Katastrophen kann belasten wie das Ereignis selbst. Dieser Befund ist älter als das Wort Doomscrolling und stammt aus der Forschung zu kollektiven Traumata. Holman, Garfin und Silver fanden 2014 nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon, dass Menschen mit sechs und mehr Stunden täglicher Berichterstattung stärkere akute Stresssymptome zeigten als Menschen, die vor Ort gewesen waren. Eine Folgestudie über drei Jahre zeigte, dass sich das zu einem Kreislauf schließt: Belastung führt zu mehr Konsum beim nächsten Ereignis, und der zu mehr Belastung.

Manche Gegenmaßnahmen wirken - unterschiedlich lange. Die Interventionsforschung ist der jüngste Zweig. Meinhardt und Kollegen verglichen 2026 in einer Feldstudie drei Eingriffe gegen endloses Scrollen und fanden, dass ein einfaches Pop-up anfangs wirkt, aber schnell verpufft, während sanft ansteigende Reibung länger hält - und dass es davon abhängt, wie impulsiv jemand ist.

Was sich nicht sagen lässt

Ob Doomscrolling die Belastung verursacht oder umgekehrt. Fast alle Studien sind Querschnittsstudien: eine Befragung, ein Zeitpunkt, Zusammenhänge. Sie können nicht unterscheiden, ob Menschen ängstlich werden, weil sie doomscrollen, oder doomscrollen, weil sie ängstlich sind - oder beides, in einer Schleife. Die wenigen Längsschnitt- und Experimentalstudien deuten auf beides hin. Aber „deuten hin“ ist der ehrliche Stand.

Wie verbreitet es ist. Es gibt keine repräsentative Erhebung, die sagt, wie viel Prozent der Bevölkerung doomscrollen. Die Studien arbeiten mit Online-Panels, Studierenden, Gelegenheitsstichproben. Sharma und Kollegen schrieben selbst, Doomscrolling sei „weniger verbreitet, als manche Medienberichte nahelegen“. Die Zahlen zur Nachrichtenvermeidung - in Deutschland 71 Prozent zumindest gelegentlich, laut Reuters Digital News Report 2025 - messen etwas Verwandtes, aber nicht dasselbe.

Ob es eine Störung ist. Kein diagnostisches Handbuch kennt Doomscrolling, und keine Studie schlägt vor, das zu ändern. Es wird als Verhaltensmuster erforscht, nicht als Krankheit. Wer es als Sucht bezeichnet, spricht umgangssprachlich, nicht klinisch.

Was langfristig passiert. Das Feld ist sechs Jahre alt. Ob Doomscrolling über Jahre Spuren hinterlässt, ob Menschen es sich abgewöhnen, ob es sich mit der Nachrichtenlage verändert - dazu gibt es keine Daten, weil noch niemand lange genug hingesehen hat.

Woran das liegt

Das Scoping Review von 2026 benennt die Gründe ohne Beschönigung: Das Feld ist von Querschnittsstudien dominiert, Längsschnitte, Experimente und Interventionsstudien sind selten. Die Definitionen sind uneinheitlich - manche Studien messen mit der Doomscrolling Scale, andere mit Eigenkonstruktionen, wieder andere fragen nur nach der Nutzungsdauer. Und die Stichproben sind, was Stichproben in der Psychologie meistens sind: jung, gebildet, online rekrutiert, häufig Studierende. Das ist kein Vorwurf an die Forschenden. Es ist die normale Verfassung eines Feldes, das gerade angefangen hat.

Wie diese Seite damit umgeht

Die Studienreferate auf dieser Seite folgen deshalb einem festen Muster: Autoren, Jahr, Stichprobe, Methode und Einschränkungen stehen bei jeder Studie im Steckbrief, bevor das Ergebnis kommt. Wo ein Befund aus einer Querschnittsstudie stammt, steht das dabei. Wo ein Effekt klein ist, steht die Größe. Das macht die Texte weniger zitierfähig für Schlagzeilen und brauchbarer für alles andere. Eine Studie, deren Grenzen man kennt, sagt mehr als eine, die man nur als Ergebnis kennt.

Häufige Fragen

Ist wissenschaftlich bewiesen, dass Doomscrolling schadet?

Bewiesen ist, dass es mit schlechterem Befinden zusammenhängt und dass kurze Exposition mit Krisennachrichten die Stimmung messbar senkt. Nicht bewiesen ist, dass Doomscrolling langfristig Schaden verursacht - weil fast alle Studien Momentaufnahmen sind und die Richtung des Zusammenhangs offen lassen. Der ehrliche Stand: ein konsistenter, plausibler, aber nicht abschließend geklärter Zusammenhang.

Warum gibt es so wenige Langzeitstudien?

Weil das Feld sechs Jahre alt ist und Längsschnittstudien Jahre dauern und viel Geld kosten. Der Begriff entstand 2020, das erste Messinstrument 2022. Studien, die dieselben Menschen über Jahre begleiten, sind seitdem begonnen, aber noch nicht abgeschlossen. Was es gibt, sind wenige Experimente und einige Studien mit mehreren Messzeitpunkten - die alle in dieselbe Richtung weisen.

Quellen

  1. Avcı, Ö., Vampa, D., Kreso, A., Homaei, N. & Putra, R. (2026): Emerging evidence on doomscrolling: A scoping review of empirical studies. Journal of Social Media Research, 3(2), 162-171.
  2. Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The dark at the end of the tunnel: Doomscrolling on social media newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
  3. Satici, S. A., Gocet Tekin, E., Deniz, M. E. & Satici, B. (2023): Doomscrolling Scale: its Association with Personality Traits, Psychological Distress, Social Media Use, and Wellbeing. Applied Research in Quality of Life, 18(2), 833-847.
  4. Leibniz-Institut für Medienforschung (2025): Deutsche Ergebnisse des Reuters Institute Digital News Report 2025.

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