Forschung
Holman, Garfin & Silver (2014): Sechs Stunden Boston
Wer leidet mehr - wer dabei war oder wer es stundenlang angesehen hat? Die Studie, die diese Frage nach Boston 2013 stellte, ist älter als das Wort Doomscrolling und wird in fast jedem Text dazu zitiert.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit
- Autor:innen
- E. Alison Holman, Dana Rose Garfin, Roxane Cohen Silver (University of California, Irvine)
- Jahr
- 2014
- Veröffentlicht in
- PNAS, 111(1), 93-98
- Stichprobe
- 4.675 Erwachsene aus einem nationalen US-Online-Panel mit vergrößerten Teilstichproben aus den Großräumen Boston und New York, befragt 2 bis 4 Wochen nach dem Anschlag vom 15. April 2013
- Methode
- Querschnittsbefragung mit Rückgriff auf vorher erhobene Paneldaten; Zusammenhang zwischen täglicher Dauer der anschlagsbezogenen Mediennutzung und akuten Stresssymptomen, kontrolliert für direkte Betroffenheit, frühere Traumata und psychische Vorbelastung
- Link
- Zur Studie
Kurz gesagt
- 4.675 Erwachsene aus einem nationalen Online-Panel, befragt 2 bis 4 Wochen nach dem Anschlag; erfasst wurden Betroffenheit, tägliche Mediennutzung zum Anschlag und akute Stresssymptome.
- Sechs und mehr Stunden Berichterstattung täglich: rund neunfach höhere Wahrscheinlichkeit hoher akuter Stresswerte - höher als bei Menschen, die direkt vor Ort waren.
- Der Zusammenhang blieb bestehen, wenn frühere Belastung und direkte Betroffenheit herausgerechnet wurden.
- Die Folgestudie über drei Jahre (Thompson u. a., 2019) zeigt den Kreislauf: Konsum, Belastung, Sorge vor dem nächsten Ereignis, mehr Konsum beim nächsten Ereignis.
Worum es ging
Am 15. April 2013 explodierten zwei Bomben im Zielbereich des Boston-Marathons. Drei Menschen starben, mehr als 260 wurden verletzt, und die folgende Woche - Fahndung, Schießereien, Ausgangssperre über eine ganze Stadt - lief rund um die Uhr auf allen Kanälen. Die Psychologin Roxane Cohen Silver von der University of California in Irvine erforscht seit den 1990er-Jahren, wie Menschen kollektive Traumata verarbeiten, und hatte nach dem 11. September 2001 begonnen, dabei auch die Rolle der Medien zu untersuchen. Mit E. Alison Holman und Dana Rose Garfin stellte sie nach Boston eine Frage, die damals ungewöhnlich war: Wer leidet mehr - die Menschen, die dabei waren, oder die Menschen, die es stundenlang angesehen haben?
Wie vorgegangen wurde
Zwei bis vier Wochen nach dem Anschlag befragte das Team 4.675 Erwachsene aus einem bestehenden nationalen Online-Panel, mit gezielt vergrößerten Teilstichproben aus dem Großraum Boston und dem Großraum New York. Gefragt wurde nach direkter Betroffenheit - ob jemand vor Ort war, jemanden kannte, der verletzt wurde -, nach der täglichen Dauer der Mediennutzung zum Anschlag in den ersten Tagen danach und nach akuten Stresssymptomen: aufdrängende Erinnerungen, Vermeidung, Übererregung, gemessen mit einem etablierten Instrument. Weil das Panel schon vorher bestand, lagen für viele Teilnehmende auch Angaben zu früheren Belastungen und zur psychischen Gesundheit vor der Tat vor, die in die Auswertung einflossen.
Was herauskam
Menschen, die täglich sechs Stunden oder mehr Berichterstattung über den Anschlag konsumiert hatten, zeigten mit etwa neunfach höherer Wahrscheinlichkeit hohe akute Stresswerte als Menschen mit weniger als einer Stunde. Das allein wäre wenig überraschend. Der Befund, der die Studie bekannt gemacht hat, ist der Vergleich: Die Werte der Vielnutzer lagen höher als die der Menschen, die direkt vor Ort gewesen waren. Wer die Explosion gesehen hatte, war im Durchschnitt weniger belastet als wer sie eine Woche lang auf dem Bildschirm gesehen hatte.
Der Zusammenhang blieb bestehen, wenn frühere psychische Belastung, frühere Traumata und direkte Betroffenheit statistisch herausgerechnet wurden. Er war also nicht einfach darauf zurückzuführen, dass ohnehin belastete Menschen mehr fernsehen.
Was die Folgestudie zeigte
2019 veröffentlichte dieselbe Gruppe, jetzt mit Rebecca Thompson und Nickolas Jones, eine Längsschnittstudie in Science Advances, die über drei Jahre hinweg mehr als 4.000 Amerikaner zu vier Zeitpunkten befragte - nach Boston 2013 und nach dem Anschlag auf den Pulse-Nachtclub in Orlando 2016. Das Ergebnis schließt den Kreis: Wer nach Boston viel Berichterstattung konsumiert hatte, war belasteter; wer belasteter war, machte sich mehr Sorgen über künftige Anschläge; wer sich mehr Sorgen machte, konsumierte nach Orlando mehr Berichterstattung; und wer das tat, war danach wieder belasteter. Grafische Bilder verstärkten den Effekt an jeder Stelle. Die Autoren nannten es einen Kreislauf der Belastung.
Was das bedeutet
Die Boston-Studie ist älter als das Wort Doomscrolling und wird trotzdem in fast jedem Text dazu zitiert, weil sie den Kern des Phänomens vor dem Phänomen beschreibt: Medienkonsum über eine Katastrophe ist nicht neutral. Er ist eine eigene Exposition, mit eigenen Folgen, die unabhängig von der Katastrophe selbst auftreten können. Und die Folgestudie liefert den Mechanismus, den das Wort Doomscrolling später populär machen sollte - dass Belastung nicht vom Konsum wegführt, sondern zu ihm hin.
Zwei Dinge sollte man dazu wissen. Erstens: 2013 hieß Berichterstattung vor allem Fernsehen. Die Studie misst Stunden vor einem Bildschirm, der ein Ende hat - eine Sendung, ein Sender, ein Aus-Knopf. Ein Feed, der nicht endet und sich an das Verweilverhalten anpasst, ist eine andere Exposition, vermutlich keine mildere. Zweitens: Sechs Stunden täglich klingt nach viel. Bei einem großen Ereignis, das über Tage läuft, mit Liveticker auf dem Handy, Fernseher im Hintergrund und Push-Nachrichten dazwischen, ist es die Größenordnung, die viele Menschen erreichen, ohne es zu merken.
Einschränkungen
- Querschnitt: Der Zusammenhang ist belegt, seine Richtung nicht; die Folgestudie von 2019 stützt die Richtung vom Konsum zur Belastung, ohne sie zu beweisen.
- Mediennutzung und Symptome per Selbstauskunft, rückblickend erfragt.
- Gemessen wurden akute Stresssymptome, keine klinische Diagnose; über langfristige Folgen sagt die Studie selbst nichts.
- Ein Ereignis, ein Land, überwiegend Fernsehberichterstattung - die Übertragbarkeit auf personalisierte Feeds ist plausibel, aber nicht untersucht.
Häufige Fragen
Waren die Vielnutzer wirklich belasteter als die Menschen vor Ort?
Im Durchschnitt ja, das ist der zentrale Befund. Er bedeutet nicht, dass Fernsehen schlimmer ist als eine Bombe. Er bedeutet, dass die Gruppe, die viele Stunden Berichterstattung konsumierte, im Mittel höhere akute Stresswerte angab als die Gruppe der direkt Betroffenen - und dass dieser Unterschied nicht durch Vorbelastung erklärbar war. Wer vor Ort war, hatte ein begrenztes Ereignis erlebt. Wer es ansah, erlebte es eine Woche lang in Wiederholung.
Gilt das auch für Feeds statt Fernsehen?
Untersucht wurde 2013 überwiegend Fernsehberichterstattung. Ein Feed unterscheidet sich in zwei Punkten: Er hat kein Ende, und er passt sich an das Verweilverhalten an. Beides spricht dafür, dass die Exposition eher intensiver ist, nicht milder. Belegt ist das für Feeds in dieser Form aber nicht - die Studie erlaubt die Übertragung als plausible Annahme, nicht als Ergebnis.
Quellen
- Holman, E. A., Garfin, D. R. & Silver, R. C. (2014): Media’s role in broadcasting acute stress following the Boston Marathon bombings. PNAS, 111(1), 93-98.
- Thompson, R. R., Jones, N. M., Holman, E. A. & Silver, R. C. (2019): Media exposure to mass violence events can fuel a cycle of distress. Science Advances, 5(4), eaav3502.