Forschung

Buchanan u. a. (2021): Zwei Minuten reichen

Eine der wenigen Studien, die nicht nur Zusammenhänge misst, sondern Ursache und Wirkung trennt: Menschen wurden per Zufall zwei Minuten Krisennachrichten ausgesetzt - und ihre Stimmung sank.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit

Autor:innen
Kathryn Buchanan, Lara B. Aknin, Shaaba Lotun, Gillian M. Sandstrom
Jahr
2021
Veröffentlicht in
PLOS ONE, 16(10), e0257728
Stichprobe
Studie 1: 299 Erwachsene (überwiegend Großbritannien, 74 % Frauen, Ø 29 Jahre); Studie 2: 603 Erwachsene (59 % Frauen, Ø 26 Jahre)
Methode
Zwei randomisierte Online-Experimente: Zufallszuteilung zu COVID-Nachrichten, COVID-Freundlichkeitsinhalten oder Kontrollbedingung (Twitter-Beiträge, 2 Minuten; YouTube-Videos, 4 bis 4,5 Minuten); Messung von positivem und negativem Affekt sowie Optimismus vor und nach der Exposition

Kurz gesagt

  1. Randomisiertes Design: 299 bzw. 603 Erwachsene sahen per Zufall 2 bis 4,5 Minuten COVID-Nachrichten, COVID-Freundlichkeitsinhalte oder Kontrollmaterial auf Twitter bzw. YouTube.
  2. Nachrichten senkten den positiven Affekt in beiden Experimenten messbar, im zweiten zusätzlich den Optimismus. Freundlichkeitsinhalte hatten keine negativen Effekte.
  3. Nicht die Bildschirmzeit ist das Problem, sondern der Inhalt - gleiche Plattform, gleiches Thema, gleiche Dauer, anderes Ergebnis.
  4. Die Effekte sind klein (η² .01 bis .06), treten aber nach Minuten auf, nicht nach Monaten - und die Richtung ist hier ausnahmsweise geklärt.

Worum es ging

Die meisten Studien zum Doomscrolling fragen Menschen, wie viel sie scrollen und wie es ihnen geht, und finden Zusammenhänge. Was sie nicht können, ist zu sagen, was Ursache und was Folge ist. Kathryn Buchanan von der University of Essex und ihre Kolleginnen wählten 2020, mitten in der ersten Pandemiewelle, den anderen Weg: Sie setzten Menschen per Zufall verschiedenen Inhalten aus und maßen, was danach mit ihrer Stimmung passierte. Die Frage war einfach: Verändert schon eine kurze Dosis Krisennachrichten das Befinden - und macht es einen Unterschied, welche Art von Inhalt man sieht?

Der zweite Teil der Frage ist der interessantere. Die Forscherinnen wollten wissen, ob es an der Menge Bildschirmzeit liegt oder am Inhalt. Deshalb verglichen sie nicht Nachrichten mit gar nichts, sondern Nachrichten über COVID-19 mit Inhalten über Freundlichkeit während COVID-19 - gleiches Thema, gleiche Plattform, gleiche Dauer, andere Tonlage.

Wie vorgegangen wurde

Zwei Online-Experimente. Im ersten sahen 299 Erwachsene, überwiegend aus Großbritannien, zu drei Vierteln Frauen, im Durchschnitt 29 Jahre alt, zwei Minuten lang echte Twitter-Beiträge: entweder Nachrichten über die Pandemie, oder Beiträge über Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit während der Pandemie, oder eine neutrale Kontrollbedingung. Vorher und nachher wurde die Stimmung gemessen - positiver und negativer Affekt auf einer etablierten Skala.

Das zweite Experiment wiederholte den Aufbau mit 603 Erwachsenen, 59 Prozent Frauen, im Durchschnitt 26 Jahre alt, diesmal mit YouTube-Videos und einer Dauer von vier bis viereinhalb Minuten. Zusätzlich wurde Optimismus gemessen. Die Zuteilung zu den Bedingungen war in beiden Studien zufällig, sodass Unterschiede zwischen den Gruppen auf den Inhalt zurückgehen müssen und nicht auf die Menschen.

Was herauskam

In beiden Experimenten senkte die Nachrichtenbedingung den positiven Affekt messbar - nach zwei Minuten Twitter ebenso wie nach vier Minuten YouTube. Im zweiten Experiment sank zusätzlich der Optimismus. Die Freundlichkeitsbedingung dagegen hatte keinen negativen Effekt; im zweiten Experiment berichteten diese Teilnehmenden sogar weniger negativen Affekt als vorher. Bildschirmzeit an sich war also nicht das Problem. Der Inhalt war es.

Die Effektstärken sind klein. Die Autorinnen berichten partielle Eta-Quadrat-Werte zwischen .01 und .06, was in der üblichen Einordnung kleinen bis mittleren Effekten entspricht. Niemand wurde durch zwei Minuten Twitter depressiv. Aber die Stimmung bewegte sich, statistisch zuverlässig, in die erwartete Richtung - und sie tat es nach einer Exposition, die kürzer war als das, was die meisten Menschen an einem normalen Abend im Feed verbringen.

Was das bedeutet

Der Wert der Studie liegt in ihrem Design. Weil die Zuteilung zufällig war, ist die Richtung des Zusammenhangs hier ausnahmsweise klar: Der Inhalt kam zuerst, die Stimmungsänderung danach. Das schließt nicht aus, dass im Alltag auch der umgekehrte Weg existiert - dass Menschen, denen es schlecht geht, mehr doomscrollen. Aber es zeigt, dass der eine Weg real ist. Krisennachrichten senken die Stimmung, auch in kleinen Dosen, auch bei Menschen, die vorher nicht belastet waren.

Der zweite Wert liegt im Vergleich. Dass Freundlichkeitsinhalte auf denselben Plattformen, zum selben Thema, in derselben Zeit keine negativen Effekte hatten, widerlegt die bequeme Erklärung, es liege einfach an zu viel Bildschirmzeit. Es liegt an dem, was auf dem Bildschirm ist. Das ist eine unangenehmere Erkenntnis, weil sie sich nicht mit einem Zeitlimit lösen lässt - aber eine nützlichere, weil sie sagt, wo der Hebel liegt: nicht an der Dauer, sondern an der Auswahl.

Für das Verständnis von Doomscrolling heißt das: Der Kreislauf, den der Text Warum du nicht aufhören kannst beschreibt, hat einen experimentell belegten Einstiegspunkt. Was man nach zwei Minuten spürt, ist nicht Einbildung. Es ist der Anfang dessen, was nach zwei Stunden übrig ist.

Einschränkungen

  • Homogene Stichproben: jung, überwiegend weiblich, überwiegend aus einem Land.
  • Kurze, künstliche Exposition mit vorausgewähltem Material statt echter, personalisierter Feeds.
  • Kleine Effektstärken; gemessen wurde die Stimmung unmittelbar danach, nicht ihre Dauer.
  • Keine objektive Inhaltsanalyse des gezeigten Materials; die Bedingungen wurden von den Forschenden zusammengestellt.

Häufige Fragen

Wenn die Effekte so klein sind, warum ist die Studie wichtig?

Wegen des Designs, nicht wegen der Größe. Fast alle Doomscrolling-Studien sind Befragungen, die Zusammenhänge finden, aber nicht sagen können, was zuerst da war. Hier wurde die Reihenfolge durch Zufallszuteilung festgelegt: erst der Inhalt, dann die Stimmungsänderung. Ein kleiner, aber sauber belegter Effekt sagt mehr über Ursachen als ein großer Zusammenhang aus einer Befragung.

Heißt das, ich sollte mehr positive Inhalte scrollen?

Die Studie zeigt, dass freundliche Inhalte keine negativen Effekte hatten - nicht, dass sie die negativen Effekte von Nachrichten aufheben. Und im echten Feed entscheidet nicht man selbst, sondern das Ranking, was man sieht. Die praktische Lehre ist eher: Der Inhalt zählt, nicht die Dauer. Wer seine Quellen wählt, hat mehr Einfluss als wer nur seine Zeit begrenzt.

Quellen

  1. Buchanan, K., Aknin, L. B., Lotun, S. & Sandstrom, G. M. (2021): Brief exposure to social media during the COVID-19 pandemic: Doom-scrolling has negative emotional consequences, but kindness-scrolling does not. PLOS ONE, 16(10), e0257728.

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