Forschung
Shabahang u. a. (2024): Doomscrolling und existenzielle Angst
Verändert Doomscrolling nicht nur, wie es Menschen geht, sondern auch, was sie für wahr halten? Eine Studie in zwei sehr verschiedenen Ländern fand denselben Zusammenhang mit existenzieller Angst.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit
- Autor:innen
- Reza Shabahang, Hyeyeon Hwang, Emma F. Thomas, Mara S. Aruguete, Lynn E. McCutcheon, Gábor Orosz, Abbas Ali Hossein Khanzadeh, Benyamin Mokhtari Chirani, Ágnes Zsila
- Jahr
- 2024
- Veröffentlicht in
- Computers in Human Behavior Reports, 15, 100438
- Stichprobe
- 620 Studierende im Iran (454 Männer, 165 Frauen, Ø 26,8 Jahre) und 180 Studierende in den USA (135 Frauen, 43 Männer, Ø 20,1 Jahre), alle aktive Social-Media-Nutzer, erhoben September bis November 2023
- Methode
- Querschnittliche Online-Befragung mit der Doomscrolling Scale und etablierten Skalen für existenzielle Angst, Misanthropie und Gerechte-Welt-Glauben; Auswertung mit Strukturgleichungsmodellen (WLSMV-Schätzer)
- Link
- Zur Studie
Kurz gesagt
- Querschnittsstudie mit 620 Studierenden im Iran und 180 in den USA (Herbst 2023), ausgewertet mit Strukturgleichungsmodellen.
- Doomscrolling hing in beiden Ländern deutlich mit existenzieller Angst zusammen: β = 0,38 (Iran) und 0,33 (USA); es erklärte 20 bzw. 16 Prozent der Varianz.
- Misanthropie: Zusammenhang nur im Iran belastbar (β = 0,28). Glaube an eine gerechte Welt: in keinem Land ein Zusammenhang.
- Die Studie verschiebt den Blick von Symptomen zu Weltbildern - und Weltbilder bleiben, wenn das Handy weg ist. Ursache und Wirkung bleiben offen.
Worum es ging
Die meisten Studien zum Doomscrolling messen Angst, Stress oder depressive Symptome - also das, was klinische Fragebögen erfassen. Ein internationales Team um den iranischen Psychologen Reza Shabahang stellte 2023 eine andere Frage: Verändert Doomscrolling nicht nur, wie es Menschen geht, sondern auch, wie sie die Welt sehen? Konkret untersuchten sie drei Weltbilder. Existenzielle Angst: das Gefühl, dass das Leben bedroht, sinnlos oder ohne Halt ist. Misanthropie: die Überzeugung, dass Menschen im Kern schlecht sind. Und den Glauben an eine gerechte Welt: die Annahme, dass Menschen im Großen und Ganzen bekommen, was sie verdienen. Die Vermutung war, dass ein Feed, der einen Strom von Katastrophen, Gewalt und Ungerechtigkeit liefert, alle drei verschiebt - hin zu mehr Angst, mehr Misanthropie, weniger Gerechtigkeitsglauben.
Um zu prüfen, ob solche Effekte kulturabhängig sind, wählten die Forschenden zwei sehr verschiedene Länder: den Iran und die USA.
Wie vorgegangen wurde
Zwischen September und November 2023 füllten 620 Studierende im Iran und 180 Studierende in den USA einen Online-Fragebogen aus. Alle waren aktive Social-Media-Nutzer. Die iranische Stichprobe war überwiegend männlich, im Durchschnitt knapp 27 Jahre alt; die amerikanische überwiegend weiblich, im Durchschnitt 20. Doomscrolling wurde mit der Doomscrolling Scale gemessen, die drei Weltbilder mit etablierten Skalen. Ausgewertet wurde mit Strukturgleichungsmodellen - einem Verfahren, das Zusammenhänge zwischen mehreren Konstrukten gleichzeitig schätzt und dabei Messfehler berücksichtigt.
Was herauskam
Der klarste Befund betrifft die existenzielle Angst. In beiden Ländern hing Doomscrolling deutlich mit ihr zusammen - im Iran mit einem standardisierten Pfadkoeffizienten von 0,38, in den USA von 0,33. Doomscrolling erklärte 20 Prozent der Varianz existenzieller Angst in der iranischen und 16 Prozent in der amerikanischen Stichprobe. Für einen einzelnen Prädiktor in der Psychologie sind das beachtliche Werte, und die Ähnlichkeit zwischen zwei so verschiedenen Kulturen ist der eigentliche Punkt: Der Zusammenhang scheint nicht an einem bestimmten Land, einer bestimmten Nachrichtenlage oder einem bestimmten politischen System zu hängen.
Bei der Misanthropie war das Bild uneinheitlich. Im Iran hing Doomscrolling mit einer pessimistischeren Sicht auf die menschliche Natur zusammen (0,28); in den USA ließ sich der Zusammenhang nicht belastbar nachweisen - möglicherweise eine Folge der kleinen Stichprobe. Beim Glauben an eine gerechte Welt fand sich in keinem der beiden Länder ein Zusammenhang. Wer viel doomscrollt, glaubt also nicht weniger daran, dass die Welt gerecht ist - er fühlt sich nur bedrohter in ihr.
Was das bedeutet
Die Studie verschiebt den Blick von den Symptomen zur Weltsicht. Doomscrolling hängt nicht nur mit dem zusammen, was man fühlt, sondern mit dem, was man für wahr hält: dass das Leben unsicher ist, dass Halt fehlt, dass die Bedrohung näher rückt. Das ist eine andere Art von Folge als Anspannung oder schlechter Schlaf. Anspannung vergeht. Ein Weltbild bleibt, auch wenn man das Handy weglegt - und es entscheidet mit, wie man das nächste Ereignis liest.
Die Autoren selbst sind vorsichtig, und zu Recht. Ihre Daten sind Querschnittsdaten, und sie schreiben ausdrücklich, dass sich daraus keine Ursache ableiten lässt. Es ist genauso denkbar, dass Menschen mit existenzieller Angst mehr doomscrollen, weil sie nach Bestätigung oder Kontrolle suchen. Am wahrscheinlichsten ist, wie fast überall in diesem Feld, eine Schleife. Aber die Schleife hat hier eine neue Komponente: nicht nur Gefühl und Verhalten, sondern auch Überzeugung. Und Überzeugungen sind das, was am längsten bleibt.
Einschränkungen
- Querschnittsdaten: Die Autoren schreiben selbst, dass sich keine Kausalbeziehungen ableiten lassen.
- Gelegenheitsstichproben aus Universitäten, nicht repräsentativ; die US-Stichprobe ist mit 180 Personen für das Verfahren klein.
- Deutliches Geschlechterungleichgewicht zwischen den Ländern (Iran überwiegend Männer, USA überwiegend Frauen), was Vergleiche erschwert.
- Keine klinischen Maße; erfasst wurden Weltbilder per Selbstauskunft, keine Diagnosen.
Häufige Fragen
Was ist existenzielle Angst genau?
In der Studie wurde sie mit einer etablierten Skala gemessen, die Gefühle von Bedrohung, Sinnlosigkeit und fehlendem Halt erfasst - nicht die Angst vor etwas Bestimmtem, sondern eine grundlegende Unsicherheit über das eigene Leben in der Welt. Sie ist kein Krankheitsbild, sondern ein Erleben, das jeder in unterschiedlichem Maß kennt.
Warum ist der Vergleich Iran und USA wichtig?
Weil er zeigt, dass der Zusammenhang nicht an einer bestimmten Nachrichtenlage oder einem politischen System hängt. Zwei Länder mit sehr unterschiedlichen Medien, Sorgen und Lebensbedingungen, und in beiden hängt Doomscrolling fast gleich stark mit existenzieller Angst zusammen. Das spricht dafür, dass es am Verhalten liegt, nicht am Land.