Forschung
Sharma, Lee & Johnson (2022): Die Doomscrolling Scale
Vor 2022 konnte man Doomscrolling nicht messen. Diese Studie änderte das - und fand nebenbei, dass Männer, Jüngere und politisch Engagierte höhere Werte haben.
Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit
- Autor:innen
- Bhakti Sharma, Susanna S. Lee, Benjamin K. Johnson (University of Florida)
- Jahr
- 2022
- Veröffentlicht in
- Technology, Mind, and Behavior, 3(1)
- Stichprobe
- Zwei Online-Befragungen mit Panelteilnehmenden aus OECD-Ländern (N = 401 und N = 502), vorbereitet durch Fokusgruppen und eine Expertenrunde
- Methode
- Skalenentwicklung: Itemgenerierung, explorative und konfirmatorische Faktorenanalysen, Validierung gegen verwandte Konstrukte (problematische Internetnutzung, Online-Wachsamkeit, FOMO, Angst, Selbstkontrolle, Persönlichkeit)
- Link
- Zur Studie
Kurz gesagt
- Erstes validiertes Messinstrument für Doomscrolling: 15 Aussagen auf einer Dimension, entwickelt in zwei Online-Befragungen mit 401 und 502 Teilnehmenden aus OECD-Ländern.
- Doomscrolling korreliert mit problematischer Nutzung, FOMO, Angst und geringer Selbstkontrolle, geht darin aber nicht auf - es ist ein eigenständiges Konzept.
- Unerwartet: Männer, Jüngere und politisch Engagierte erreichten höhere Werte; die Gesamtverbreitung war niedriger als erwartet.
- Die Definition macht das Format zum Kriterium: negative Inhalte, ein Newsfeed, anhaltend. Nicht die Menge unterscheidet Doomscrolling vom Informiertsein, sondern die Form.
Worum es ging
Als das Wort Doomscrolling 2020 in Umlauf kam, gab es keine Möglichkeit, das Verhalten zu messen. Man konnte fragen, wie viele Stunden jemand Nachrichten liest, oder ob er sich selbst als Doomscroller bezeichnet - aber beides misst etwas anderes: das eine die Menge, das andere die Selbstwahrnehmung. Bhakti Sharma, Susanna Lee und Benjamin Johnson von der University of Florida wollten ein Instrument, das das Verhalten selbst erfasst, und zwar so, dass sich Doomscrolling von normalem Nachrichtenkonsum und von allgemeiner Social-Media-Nutzung unterscheiden lässt. Ohne ein solches Instrument, so ihr Argument, könne man weder sagen, wie verbreitet Doomscrolling ist, noch, womit es zusammenhängt.
Wie vorgegangen wurde
Die Arbeit folgt dem üblichen Verfahren der Skalenentwicklung. Zunächst definierten die Autoren, was gemessen werden soll: Doomscrolling als „eine eigene Mediengewohnheit, bei der Social-Media-Nutzer anhaltend negative Informationen über Krisen, Katastrophen und Tragödien in ihren Newsfeeds verfolgen“. Aus Fokusgruppen und einer Expertenrunde entstand ein Pool von Aussagen, die dieses Verhalten beschreiben sollten - etwa das Gefühl, nicht aufhören zu können, das gezielte Suchen nach weiteren schlechten Nachrichten oder das Verlieren von Zeit dabei.
Diesen Pool legten sie in einer ersten Online-Befragung 401 Panelteilnehmenden aus OECD-Ländern vor und reduzierten ihn mit Faktorenanalysen auf 15 Aussagen, die alle auf einer einzigen Dimension liegen. In einer zweiten Befragung mit 502 weiteren Teilnehmenden prüften sie, ob die Skala misst, was sie messen soll: Sie verglichen die Werte mit etablierten Instrumenten für problematische Internetnutzung, Online-Wachsamkeit, FOMO, Angst, Selbstkontrolle und Persönlichkeitsmerkmale sowie mit Angaben zur Nachrichtennutzung.
Was herauskam
Die 15 Aussagen bilden eine zuverlässige, eindimensionale Skala. Doomscrolling korreliert mit den erwarteten Nachbarkonstrukten - problematischer Social-Media-Nutzung, Online-Wachsamkeit, FOMO, Angst, geringer Selbstkontrolle, passiver und gewohnheitsmäßiger Mediennutzung -, geht darin aber nicht auf. Die Autoren schließen daraus, dass Doomscrolling ein eigenständiges Konzept ist und nicht nur ein neues Wort für viel Nachrichtenkonsum.
Drei Befunde zur Verteilung waren unerwartet. Männer erreichten höhere Werte als Frauen. Jüngere höhere als Ältere. Und politisch stärker engagierte Menschen höhere als weniger engagierte - unabhängig von der Richtung ihrer politischen Einstellung. Sharma sagte dazu in der Pressemitteilung der Universität, sie habe nicht einmal damit gerechnet, dass Geschlecht überhaupt eine Rolle spiele. Und die Gesamtverbreitung fiel niedriger aus als erwartet: Doomscrolling sei, so das Paper, „nicht so verbreitet, wie manche Medienberichte nahelegen, aber ein eigenständiges Konzept“.
Was das bedeutet
Die Studie hat dem Feld sein Messinstrument gegeben. Fast alle Arbeiten, die seitdem Zusammenhänge zwischen Doomscrolling und Befinden untersuchen, verwenden diese 15 Aussagen oder eine davon abgeleitete Kurzform. Eine türkische Arbeitsgruppe um Seydi Ahmet Satici bestätigte die Skala 2023 in drei weiteren Stichproben und entwickelte eine Vier-Item-Version, die sich für große Befragungen eignet. Damit ist Doomscrolling seit 2022 kein Schlagwort mehr, sondern eine Variable - mit allem, was das bedeutet: Man kann es vergleichen, über Zeit verfolgen, mit anderem in Beziehung setzen.
Der wichtigste Nebenbefund ist vielleicht die Definition selbst. Sie legt fest, dass Doomscrolling drei Dinge braucht: negative Inhalte, einen Newsfeed und Anhaltendes. Wer eine Stunde lang einen langen Artikel über eine Katastrophe liest, doomscrollt nach dieser Definition nicht. Wer eine Stunde lang durch hundert Fragmente zur selben Katastrophe wischt, schon. Das Format ist Teil der Definition - und damit ist die Grenze zum informierten Nachrichtenkonsum keine Frage der Menge, sondern der Form.
Wie die Skala im Einzelnen aufgebaut ist und was ihre Aussagen erfassen, beschreibt der Text Doomscrolling messen.
Einschränkungen
- Querschnittsdaten: Zusammenhänge, keine Ursachen.
- Selbstauskunft über das eigene Verhalten; keine Nutzungsdaten vom Gerät.
- Online-Panels aus OECD-Ländern, nicht repräsentativ für eine Bevölkerung.
- Erhoben während der COVID-19-Pandemie; ob die Werte in ruhigeren Zeiten gleich ausfallen, ist offen.
Häufige Fragen
Kann ich die Doomscrolling Scale selbst ausfüllen?
Die 15 Aussagen sind im Paper veröffentlicht und frei zugänglich. Diese Seite bietet bewusst keinen Selbsttest an, weil eine Skala ohne Vergleichswerte und Einordnung mehr Verunsicherung erzeugt als Erkenntnis. Wer wissen will, was die Aussagen erfassen, findet das im Text „Doomscrolling messen“.
Warum doomscrollen Männer mehr als Frauen?
Die Studie hat den Unterschied gefunden, aber nicht erklärt - das war nicht ihre Frage. Die Autoren äußerten sich selbst überrascht. Denkbar sind Unterschiede im Nachrichteninteresse, in der Plattformnutzung oder in der Bereitschaft, das Verhalten in einer Befragung zuzugeben. Belegt ist keine dieser Erklärungen.
Quellen
- Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The dark at the end of the tunnel: Doomscrolling on social media newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
- University of Florida News (Januar 2022): Pressemitteilung zur Doomscrolling-Studie mit Zitaten der Autoren.
- Satici, S. A., Gocet Tekin, E., Deniz, M. E. & Satici, B. (2023): Doomscrolling Scale: its Association with Personality Traits, Psychological Distress, Social Media Use, and Wellbeing. Applied Research in Quality of Life, 18(2), 833-847.