Mechanik

Warum der Feed negative Inhalte bevorzugt

Der Feed zeigt nicht die Verteilung der Ereignisse, sondern die Verteilung der Reaktionen auf sie. Der Unterschied lässt sich beziffern - und er ist der Grund, warum Doomscrolling schlimmer ist als die Lage.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Zwei Ursachen verstärken sich: der menschliche Negativity Bias und ein Ranking, das nach vorhergesagter Reaktion sortiert.
  2. Robertson u. a. (2023): Jedes negative Wort in einer Überschrift +2,3 Prozent Klicks. Brady u. a. (2017): jedes moralisch-emotionale Wort +20 Prozent Verbreitung. Rathje u. a. (2021): jedes Wort über die politische Gegenseite +67 Prozent Teilungen.
  3. Facebook gewichtete die Wut-Reaktion 2017 bis 2020 fünffach - und sortierte damit drei Jahre lang das nach oben, was die eigenen Analysten als überproportional falsch und toxisch erkannten.
  4. Das Experiment mit 689.003 Nutzern (2012) zeigt: Die Zusammensetzung des Feeds verändert, was Menschen ausdrücken. Der Feed spiegelt die Stimmung nicht nur, er stellt sie ein.

Zwei Seiten einer Rechnung

Dass der Feed voller schlechter Nachrichten ist, hat zwei Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Die eine sitzt im Menschen: Negative Informationen ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als positive, ein Muster, das die Psychologie als Negativity Bias kennt und das vermutlich evolutionär sinnvoll war - wer die Gefahr übersah, hatte weniger Nachkommen als wer das Festmahl übersah. Die andere Ursache sitzt in der Maschine: Feeds sortieren nach vorhergesagter Reaktion, und was mehr Aufmerksamkeit zieht, bekommt mehr Reaktion. Keine der beiden Seiten allein würde den Feed so aussehen lassen, wie er aussieht. Zusammen ergeben sie eine Rechnung, die man inzwischen ziemlich genau beziffern kann.

Was gemessen wurde

Die größte Untersuchung dazu stammt aus einem ungewöhnlichen Archiv. Die Plattform Upworthy testete zwischen 2013 und 2015 für jeden Artikel mehrere Überschriften gegeneinander und zeichnete auf, welche häufiger angeklickt wurde - insgesamt 12.448 solcher Tests mit rund 105.000 Überschriftenvarianten, 370 Millionen Einblendungen und 5,7 Millionen Klicks. Ein Forschungsteam um Claire Robertson wertete dieses Archiv 2023 in Nature Human Behaviour aus. Ergebnis: Jedes zusätzliche negative Wort in einer Überschrift durchschnittlicher Länge erhöhte die Klickrate um 2,3 Prozent. Jedes positive Wort senkte sie um ein Prozent. Der Effekt ist klein pro Wort und gewaltig in der Summe, weil jede Redaktion, die Klicks misst, ihn lernt - ob sie will oder nicht.

Für die Verbreitung innerhalb von Netzwerken gibt es ähnliche Zahlen. William Brady und Kollegen analysierten 2017 gut 563.000 Tweets zu drei Streitthemen und fanden, dass jedes moralisch-emotionale Wort - Begriffe wie „Schande“, „Hass“, „böse“ - die Weiterverbreitung um rund 20 Prozent erhöhte. Steve Rathje, Jay Van Bavel und Sander van der Linden untersuchten 2021 rund 2,7 Millionen Beiträge von Medien und US-Abgeordneten auf Facebook und Twitter: Jedes Wort, das sich auf die politische Gegenseite bezog, erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass ein Beitrag geteilt wurde, um durchschnittlich 67 Prozent. Beiträge über die Gegenseite ernteten vor allem Wut- und Lach-Reaktionen. Nicht die schlechte Nachricht an sich verbreitet sich am besten, sondern die schlechte Nachricht über die anderen.

Wie die Plattform das verstärkt

Bis hierhin beschreibt die Forschung menschliches Verhalten. Die Plattform kommt ins Spiel, weil sie dieses Verhalten misst und als Ranking-Signal verwendet. Das dokumentierte Beispiel ist Facebook: 2017 wurden die Reaktions-Emojis im Ranking fünfmal so stark gewichtet wie ein Like, darunter die Wut-Reaktion. 2019 stellten die eigenen Datenanalysten fest, dass Beiträge mit vielen Wut-Reaktionen überproportional häufig Falschinformationen und toxische Inhalte enthielten. Erst 2020 wurde das Gewicht der Wut-Reaktion auf null gesetzt. Drei Jahre lang hatte das System also gezielt das nach oben sortiert, was Menschen wütend machte - nicht, weil jemand das wollte, sondern weil Wut als Beteiligung zählte.

Das ist der Kreislauf, den man verstehen muss: Menschen klicken auf Negatives. Das Modell lernt, dass Negatives Klicks bringt, und zeigt mehr davon. Menschen klicken noch mehr. Redaktionen und Creator sehen, was funktioniert, und produzieren mehr davon. Niemand in dieser Kette hat sich entschieden, den Feed negativ zu machen. Er ist es geworden, weil jedes Glied auf das nächste optimiert.

Der Feed als Verstärker, nicht als Spiegel

Man könnte einwenden, dass der Feed nur zeigt, was Menschen ohnehin wollen. Dass er mehr tut, hat Facebook selbst bewiesen. Im Januar 2012 veränderte das Unternehmen eine Woche lang für 689.003 Nutzer die Zusammensetzung des Feeds: Bei einem Teil wurden positive Beiträge seltener angezeigt, bei einem anderen negative. Das 2014 in PNAS veröffentlichte Ergebnis: Wer weniger Positives sah, schrieb selbst negativer; wer weniger Negatives sah, schrieb positiver. Die Effekte waren winzig, die Studie wurde wegen der fehlenden Einwilligung scharf kritisiert, und PNAS veröffentlichte einen redaktionellen Vorbehalt. Aber der Befund steht: Die Zusammensetzung des Feeds verändert, was Menschen ausdrücken. Der Feed spiegelt die Stimmung nicht nur. Er stellt sie ein.

Was das für Doomscrolling heißt

In einer Krise ist die Negativität keine Verzerrung mehr, sondern die Lage. Trotzdem arbeitet die Rechnung weiter - nur jetzt innerhalb des Negativen. Unter hundert Meldungen zu derselben Katastrophe gewinnt die alarmierendste das Ranking, die mit den stärksten Worten, dem drastischsten Bild, der schärfsten Schuldzuweisung. Was du beim Doomscrolling siehst, ist deshalb nicht die Verteilung der Ereignisse, sondern die Verteilung der Reaktionen auf sie. Beide sind schlecht. Aber die zweite ist systematisch schlechter als die erste, und zwar um genau den Betrag, den die Studien oben messen.

Was sich daraus ableiten lässt

Die naheliegende Reaktion - mehr positive Nachrichten - hilft nicht, weil sie das Ranking nicht ändert; sie liefert nur mehr Material, das schlechter abschneidet. Was hilft, ist der Wechsel zu Quellen, die nicht nach Reaktion sortieren: eine Titelseite, die eine Redaktion nach Relevanz ordnet, ein Newsletter, der einmal am Tag kommt und ein Ende hat, eine Nachrichtensendung mit fester Länge. Diese Formate sind nicht frei vom Negativity Bias - auch Redaktionen wissen, was Menschen lesen. Aber ihnen fehlt der Verstärker, der aus einer menschlichen Neigung eine Maschine macht.

Häufige Fragen

Ist der Feed negativ, weil die Welt negativ ist?

Teilweise. In einer Krise ist die Negativität die Lage, nicht die Verzerrung. Aber das Ranking arbeitet auch innerhalb des Negativen weiter: Unter hundert Meldungen zu derselben Katastrophe gewinnt die alarmierendste. Was du siehst, ist deshalb systematisch schlechter als das, was passiert - um den Betrag, den die Studien zu Klicks und Teilungen messen.

Helfen positive Nachrichten gegen den Effekt?

Als Gegengewicht im selben Feed kaum, weil sie im Ranking schlechter abschneiden und untergehen. Die Studie von Buchanan und Kollegen (2021) zeigt zwar, dass Feeds mit freundlichen Inhalten keine negativen Effekte auf die Stimmung haben - aber das setzt voraus, dass man sie überhaupt sieht. Wirksamer ist der Wechsel zu Formaten, die nicht nach Reaktion sortieren: Titelseite, Newsletter, Sendung mit Ende.

Quellen

  1. Robertson, C. E., Pröllochs, N., Schwarzenegger, K., Pärnamets, P., Van Bavel, J. J. & Feuerriegel, S. (2023): Negativity drives online news consumption. Nature Human Behaviour, 7, 812-822.
  2. Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A. & Van Bavel, J. J. (2017): Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. PNAS, 114(28), 7313-7318.
  3. Rathje, S., Van Bavel, J. J. & van der Linden, S. (2021): Out-group animosity drives engagement on social media. PNAS, 118(26), e2024292118.
  4. Kramer, A. D. I., Guillory, J. E. & Hancock, J. T. (2014): Experimental evidence of massive-scale emotional contagion through social networks. PNAS, 111(24), 8788-8790.
  5. Nieman Lab (2021): More internal documents show how Facebook’s algorithm prioritized anger and posts that triggered it.

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