Mechanik

Push-Nachrichten: Der Feed, der zu dir kommt

Beim Öffnen einer App entscheidest du, wann du schaust. Bei einer Push-Nachricht entscheidet der Absender - und der Absender hat ein Interesse.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Seit 2009 muss der Feed nicht mehr abgeholt werden, er wird zugestellt: Der Server der App bestimmt den Moment, in dem du zum Gerät greifst.
  2. Pielot u. a. (2014): durchschnittlich 63,5 Benachrichtigungen pro Tag, fast alle binnen Minuten angesehen; Plattform-Benachrichtigungen korrelierten mit Stress, Nachrichten von Menschen mit Verbundenheit.
  3. Die Eilmeldung ist die Push-Nachricht mit dem stärksten Anspruch - und das wirksamste Werkzeug, Menschen in den Feed zu holen. Was als Nachricht beginnt, endet als Sitzung.
  4. Fitz u. a. (2019): Dreimal täglich gebündelt schlägt alles - auch das komplette Abschalten, das ängstlicher machte, ohne das Nachsehen zu verringern.

Vom Abholen zum Zustellen

Alles, was diese Seite über Feeds beschreibt, setzt voraus, dass du die App öffnest. Push-Nachrichten heben diese Voraussetzung auf. Bis 2009 musste man ein Programm starten, um zu erfahren, ob etwas passiert war. Im Juni 2009 führte Apple mit iPhone OS 3.0 Push-Benachrichtigungen ein, Android hatte sie von Anfang an: Ein Server der App entscheidet, dass du etwas wissen sollst, und dein Gerät leuchtet auf, vibriert oder klingelt - ob die App läuft oder nicht, ob du gerade Zeit hast oder nicht. Der Feed muss nicht mehr abgeholt werden. Er wird zugestellt.

Das ist ein grundlegender Wechsel in der Frage, wer den Moment bestimmt. Beim Öffnen einer App entscheidest du, wann du schaust. Bei einer Push-Nachricht entscheidet der Absender - und der Absender hat ein Interesse.

Wie viele es sind

Wie viel das im Alltag ausmacht, hat eine der ersten Feldstudien dazu gemessen. Martin Pielot und Kollegen von Telefónica Research zeichneten 2014 eine Woche lang alle Benachrichtigungen auf den Smartphones von 15 Personen auf: durchschnittlich 63,5 pro Tag, von den Teilnehmenden als „das Übliche“ empfunden. Fast alle wurden innerhalb weniger Minuten angesehen - unabhängig davon, ob das Gerät stumm geschaltet war. Nachrichten von Menschen wurden am schnellsten geöffnet und waren mit dem Gefühl von Verbundenheit verknüpft. Benachrichtigungen von E-Mail und sozialen Netzwerken dagegen korrelierten mit Stress und dem Gefühl, überfordert zu sein.

Die Zahl ist über zehn Jahre alt und stammt von 15 Personen; sie ist eine Größenordnung, kein Messwert für heute. Aber der Befund dahinter hat sich seitdem nur bestätigt: Die Benachrichtigung von einem Menschen und die von einer Plattform fühlen sich gleich an und wirken völlig verschieden.

Warum sie für Krisen wie gemacht sind

Eine Push-Nachricht ist, in der Sprache der Verhaltensgestaltung, ein externer Auslöser: ein Reiz von außen, der eine Handlung startet, ohne dass ein innerer Anlass da sein müsste. Nir Eyal, dessen Buch „Hooked“ 2014 zum Handbuch der Branche wurde, setzt den Auslöser an den Anfang seines Vier-Schritte-Modells: Auslöser, Handlung, variable Belohnung, Investition. Tristan Harris führt die „sofortige Unterbrechung“ als siebte von zehn Techniken, mit denen Apps die Aufmerksamkeit kapern. Beide beschreiben dasselbe: Wer den Moment bestimmt, in dem du zum Gerät greifst, bestimmt, was du danach tust.

Für Krisennachrichten hat das eine besondere Wucht. Die Eilmeldung ist die Push-Nachricht mit dem stärksten Anspruch: Sie behauptet, dass jetzt etwas passiert ist, das du sofort wissen musst. In einer tatsächlichen Krise stimmt das manchmal. Aber die Eilmeldung ist auch das wirksamste Werkzeug, um Menschen in eine Nachrichten-App zu holen, und jede Redaktion weiß das. Wenn Dringlichkeit das Kriterium ist, wird alles dringend. Und jede Eilmeldung ist nicht nur eine Information, sondern ein Griff zum Gerät - und nach dem Griff kommt der Feed. Was als Zustellung einer Nachricht beginnt, endet als Sitzung.

Dazu kommen die Benachrichtigungen, die keine Nachricht enthalten. „Du hast Beiträge verpasst.“ „Drei Personen haben auf ein Thema reagiert, dem du folgst.“ „Sieh dir an, was heute passiert ist.“ Das sind Rückhol-Mechanismen, die der Katalog der Dark Patterns unter den Mustern führt, die dich hineinziehen. Sie haben mit der Lage nichts zu tun. Sie haben mit deiner Abwesenheit zu tun.

Was die Forschung zu Alternativen zeigt

Die naheliegende Lösung - alles abschalten - ist untersucht worden, und sie schneidet schlechter ab als erwartet. Nicholas Fitz, Kostadin Kushlev und Kollegen teilten 2019 über 200 Personen für zwei Wochen in vier Gruppen: Benachrichtigungen wie gewohnt, gar keine, stündlich gebündelt oder dreimal täglich gebündelt, um 9, 15 und 21 Uhr. Die Gruppe mit drei Bündeln pro Tag schnitt am besten ab - aufmerksamer, produktiver, weniger gestresst, und sie entsperrte das Gerät messbar seltener. Die Gruppe ohne Benachrichtigungen dagegen wurde ängstlicher und schaute genauso oft aufs Gerät wie die Kontrollgruppe: Wer nicht weiß, ob etwas gekommen ist, prüft aus eigenem Antrieb. Stündliche Bündelung brachte wenig - vermutlich, weil ein Rhythmus von einer Stunde dem unvorhersehbaren Original zu nahe kommt.

Der Befund passt zur Logik der variablen Belohnung: Nicht die Benachrichtigung selbst hält dich in Bereitschaft, sondern ihre Unvorhersehbarkeit. Wer weiß, dass um 15 Uhr alles kommt, was seit 9 Uhr angefallen ist, muss um 11 Uhr nicht nachsehen.

Was sich daraus ableiten lässt

Die Unterscheidung, die Pielots Studie nahelegt, ist die praktischste auf dieser Seite: Benachrichtigungen von Menschen an, Benachrichtigungen von Plattformen aus. Ein Anruf, eine Nachricht von jemandem, den du kennst - das darf unterbrechen. Ein Feed, eine App, eine Redaktion - das darf warten, bis du kommst. Für Nachrichten-Apps heißt das konkret, die Eilmeldungen zu prüfen: In einer Krise sind sie das, was am zuverlässigsten in den Feed führt, und der Feed ist das, was die Krise verlängert. Wer sie abschaltet, erfährt das Wichtige trotzdem - nur zu einem Zeitpunkt, den er selbst bestimmt.

Häufige Fragen

Sollte ich alle Benachrichtigungen abschalten?

Die Forschung rät davon ab. In der Studie von Fitz und Kollegen wurde die Gruppe ohne jede Benachrichtigung ängstlicher und schaute genauso oft aufs Gerät wie zuvor - aus eigenem Antrieb. Besser schnitt die Bündelung ab: dreimal täglich zu festen Zeiten. Und die Unterscheidung nach Absender: Menschen dürfen unterbrechen, Plattformen nicht.

Was ist mit Eilmeldungen in einer echten Krise?

Sie sind der schwierigste Fall, weil sie manchmal wirklich dringend sind. Aber sie sind auch das, was am zuverlässigsten in den Feed führt, und der Feed verlängert die Krise für dich, ohne sie für irgendjemanden zu verkürzen. Wer Eilmeldungen abschaltet, erfährt das Wesentliche trotzdem - über Menschen, über eine feste Nachrichtenzeit, über eine Sendung. Nur nicht in dem Moment, den die Redaktion gewählt hat.

Quellen

  1. Pielot, M., Church, K. & de Oliveira, R. (2014): An in-situ study of mobile phone notifications. Proceedings of MobileHCI ’14, ACM, 233-242.
  2. Fitz, N., Kushlev, K., Jagannathan, R., Lewis, T., Paliwal, D. & Ariely, D. (2019): Batching smartphone notifications can improve well-being. Computers in Human Behavior, 101, 84-94.
  3. Eyal, N. (2014): Hooked: How to Build Habit-Forming Products. Portfolio/Penguin.
  4. Harris, T. (2016): How Technology is Hijacking Your Mind - from a Magician and Google’s Design Ethicist. Medium.

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