Begriff

Digitaler Stress

Ständige Erreichbarkeit, Systeme, die sich dauernd ändern, und das Gefühl, nicht hinterherzukommen. Ein Forschungsbegriff aus dem Jahr 1984, der heute den Arbeitstag beschreibt - und den Abend im Feed gleich mit.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit

Englisch
technostress, digital stress
Deutsch
digitaler Stress, Technostress
Auch bekannt als
Technostress, Technikstress, Digitalstress
Herkunft
Als Technostress 1984 vom Psychologen Craig Brod geprägt; als „digitaler Stress“ im Deutschen durch die Augsburger Studie von Gimpel u. a. (2018) verbreitet.

Kurz gesagt

  1. Digitaler Stress ist die Belastung aus dem Unvermögen, mit digitaler Technik gesund umzugehen - als Technostress 1984 von Craig Brod geprägt.
  2. Fünf Quellen nach Tarafdar (2007): Überlastung, Invasion, Komplexität, Unsicherheit, Ungewissheit.
  3. Augsburger Studie mit 2.640 Erwerbstätigen (Gimpel u. a., 2018): stärkster Faktor ist die Unsicherheit über Technikänderungen; Frauen und 25- bis 34-Jährige sind am stärksten belastet; deutlich mehr Gesundheitsbeschwerden bei hohem Stress.
  4. Der Feed ist ein Arbeitsplatz ohne Feierabend: Überlastung und Invasion beschreiben auch den Abend im Bett.

Was digitaler Stress bedeutet

Digitaler Stress ist die Belastung, die aus dem Umgang mit digitalen Technologien entsteht - nicht aus einem einzelnen Gerät, sondern aus der Summe: ständige Erreichbarkeit, Unterbrechungen, Informationsflut, Systeme, die sich dauernd ändern, und das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen. Die Forschung definiert ihn als Stresserleben, das aus dem Unvermögen resultiert, mit neuer Technologie in einer gesunden Art umzugehen. Das Wort „Unvermögen“ ist dabei nicht als Vorwurf gemeint: Es beschreibt den Abstand zwischen dem, was die Technik verlangt, und dem, was ein Mensch leisten kann.

Woher der Begriff kommt

Der ältere Begriff lautet Technostress. Geprägt hat ihn der amerikanische Psychologe Craig Brod 1984 in seinem Buch „Technostress: The Human Cost of the Computer Revolution“ - zu einer Zeit, als Personal Computer gerade in die Büros kamen. Brod definierte Technostress als moderne Anpassungskrankheit, verursacht durch die Unfähigkeit, mit den neuen Computertechnologien auf gesunde Weise umzugehen. Seine Beobachtung war, dass Menschen entweder unter der Technik litten oder sich ihr so anpassten, dass sie selbst maschinenhaft wurden - beides hielt er für ungesund.

Die Forschung hat den Begriff seitdem ausdifferenziert. Monideepa Tarafdar und Kollegen beschrieben 2007 fünf Quellen von Technostress, die bis heute verwendet werden: Überlastung (zu viel, zu schnell), Invasion (Erreichbarkeit jenseits der Arbeitszeit), Komplexität (Systeme, die man nicht durchschaut), Unsicherheit (Angst, ersetzt zu werden) und Ungewissheit (ständige Änderungen, die keine Routine zulassen).

Die Zahlen für Deutschland

Die umfassendste deutsche Untersuchung stammt von Henner Gimpel und Kollegen von der Universität Augsburg, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung. Sie befragten 2018 rund 2.640 Erwerbstätige quer durch Regionen und Branchen. Die Ergebnisse:

  • Der stärkste Stressfaktor war nicht die Menge, sondern die Unsicherheit über Technikänderungen - das Gefühl, dass sich alles dauernd ändert und man den Anschluss verliert. Danach folgten Überflutung und Unzuverlässigkeit der Systeme.
  • Menschen mit hohem digitalem Stress berichteten deutlich häufiger von gesundheitlichen Beschwerden. Bei Kopfschmerzen lag der Unterschied zwischen der Gruppe mit hoher und der mit niedriger Belastung bei 25 Prozentpunkten.
  • Frauen berichteten höheren digitalen Stress als Männer - obwohl sie ihre eigene Technikkompetenz höher einschätzten und an stärker digitalisierten Arbeitsplätzen arbeiteten.
  • Die am stärksten belastete Altersgruppe waren nicht die Älteren, sondern die 25- bis 34-Jährigen.

Der letzte Befund widerspricht der verbreiteten Annahme, digitaler Stress sei ein Problem derer, die mit der Technik nicht aufgewachsen sind. Die Jüngeren sind nicht weniger belastet - sie sind stärker eingebunden.

Was das mit Doomscrolling zu tun hat

Die Technostress-Forschung schaut vor allem auf die Arbeit. Doomscrolling passiert vor allem in der Freizeit. Aber zwei der fünf Quellen von Tarafdar beschreiben genau das, was auch abends im Bett passiert: Überlastung - zu viele Meldungen, zu schnell - und Invasion - die Technik dringt in Zeiten ein, die ihr nicht gehören. Der Feed ist ein Arbeitsplatz ohne Feierabend, an dem niemand bezahlt wird.

Dazu kommt ein Zusammenhang, den die Augsburger Studie nahelegt: Wer tagsüber unter digitalem Stress steht, hat abends weniger Reserven, um dem Feed zu widerstehen. Digitaler Stress am Tag und Doomscrolling in der Nacht sind dann keine zwei Probleme, sondern eines, das sich über den Tag verteilt - und sich gegenseitig verstärkt, weil der schlechte Schlaf nach dem Scrollen den nächsten Arbeitstag belastet.

Was sich daraus ableiten lässt

Die Forschung zu digitalem Stress hat eine Erkenntnis, die auch für Doomscrolling gilt: Das Problem ist selten die Technik an sich, sondern das Fehlen von Grenzen. Erreichbarkeit ohne Ende, Feeds ohne Ende, Updates ohne Ende. Wer Grenzen setzt - Zeiten, in denen das Gerät aus ist, Räume, in denen es nicht liegt -, reduziert nicht die Technik, sondern ihre Invasion. Das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einem Dauerzustand.

Häufige Fragen

Ist digitaler Stress ein Problem der Älteren?

Nein. Die Augsburger Studie fand die höchste Belastung bei den 25- bis 34-Jährigen, nicht bei den Älteren. Wer mit der Technik aufgewachsen ist, ist nicht weniger belastet, sondern stärker eingebunden - mehr Kanäle, mehr Erreichbarkeit, mehr Unterbrechungen.

Was ist der Unterschied zwischen digitalem Stress und Doomscrolling?

Digitaler Stress ist ein Zustand, der aus dem Umgang mit Technik entsteht - meist bei der Arbeit. Doomscrolling ist ein Verhalten in der Freizeit. Beide teilen zwei Quellen: Überlastung durch zu viel und Invasion in Zeiten, die der Technik nicht gehören. Und sie verstärken sich: Wer tagsüber gestresst ist, hat abends weniger Reserven gegen den Feed.

Quellen

  1. Gimpel, H., Lanzl, J., Manner-Romberg, T. & Nüske, N. (2018): Digitaler Stress in Deutschland. Eine Befragung von Erwerbstätigen zu Belastung und Beanspruchung durch Arbeit mit digitalen Technologien. Hans-Böckler-Stiftung, Working Paper Forschungsförderung 101.
  2. Brod, C. (1984): Technostress: The Human Cost of the Computer Revolution. Reading, MA: Addison-Wesley.
  3. Wikipedia (englisch): Technostress - Definition, Stressquellen nach Tarafdar u. a. (2007), Folgen.

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