Mechanik

Wer an deiner Aufmerksamkeit verdient

Es gibt kein Ende des Feeds, weil ein Ende des Feeds das Ende des Inventars wäre. Die Rechnung dahinter steht in den Geschäftsberichten.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 5 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Herbert Simon (1971): Ein Reichtum an Information erzeugt eine Armut an Aufmerksamkeit. Die Industrie las das als Verkaufsargument.
  2. Meta 2025: 202,1 Milliarden Dollar Umsatz, 196,6 Milliarden davon Werbung (97 Prozent), 3,48 Milliarden tägliche Nutzer, 12,33 Dollar pro Person und Quartal.
  3. Umsatz ist Anzeigen mal Preis. Der Preis erklärt die Datensammlung, die Anzahl erklärt den endlosen Feed: Jeder weitergewischte Bildschirm ist neues Inventar.
  4. Redaktionen, Creator und Werbetreibende verdienen mit - und eine Krise ist für alle Hochsaison. Niemand in der Kette wird dafür bezahlt, dass du aufhörst.

Eine alte Diagnose

1971 schrieb der Ökonom und spätere Nobelpreisträger Herbert Simon einen Satz, der seitdem in jedem Text über Aufmerksamkeit zitiert wird: In einer informationsreichen Welt bedeute der Reichtum an Information einen Mangel an dem, was Information verbraucht - und was sie verbraucht, sei die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Ein Reichtum an Information erzeugt eine Armut an Aufmerksamkeit. Simon meinte das als Problem der Organisation: Wie verteilt man das knappe Gut sinnvoll? Die Industrie, die danach entstand, las den Satz anders. Wenn Aufmerksamkeit knapp ist, kann man sie verkaufen.

Das Geschäftsmodell selbst ist älter als Simon. Der Rechtswissenschaftler Tim Wu führt es in seinem Buch „The Attention Merchants“ von 2016 auf das Jahr 1833 zurück, als die New York Sun als erste Zeitung unter den Herstellungskosten verkauft wurde und die Differenz mit Anzeigen ausglich. Der Leser war nicht mehr der Kunde. Er war das, was an den Kunden verkauft wurde. Alles, was seitdem kam - Radio, Fernsehen, Feeds -, ist eine Verfeinerung dieses Tauschs. Die Verfeinerung besteht darin, immer genauer zu messen, wie viel Aufmerksamkeit tatsächlich geliefert wurde.

Die Rechnung

Wie die Rechnung heute aussieht, steht in den Geschäftsberichten. Meta, der Konzern hinter Facebook, Instagram und WhatsApp, meldete für 2025 einen Umsatz von 202,1 Milliarden Dollar. Davon stammten 196,6 Milliarden aus Werbung - rund 97 Prozent. Im vierten Quartal 2025 nutzten täglich 3,48 Milliarden Menschen eine Meta-App, und jeder dieser Menschen brachte dem Unternehmen in diesem Quartal durchschnittlich 12,33 Dollar ein. Die Zahl der ausgelieferten Anzeigen stieg im Jahresvergleich um 14 Prozent, der Durchschnittspreis pro Anzeige um 6 Prozent.

Zwei dieser Zahlen erklären den Feed vollständig. Der Umsatz ist die Zahl der Anzeigen mal ihr Preis. Der Preis hängt davon ab, wie gut die Anzeige zum Betrachter passt - das ist der Grund für die Datensammlung. Die Zahl der Anzeigen hängt davon ab, wie lange du scrollst - das ist der Grund für alles andere. Jeder Bildschirm, den du weiterwischst, ist eine Werbefläche, die neu versteigert werden kann. Es gibt kein Ende des Feeds, weil ein Ende des Feeds das Ende des Inventars wäre.

Was das mit dem Feed macht

Von hier aus ergibt sich die Mechanik von selbst. Ein System, das Umsatz aus Einblendungen macht, muss auf Verweildauer optimieren; wer das Ranking so einstellt, dass Menschen früher zufrieden gehen, senkt den Umsatz. Deshalb misst der Feed, wo du langsamer wirst, deshalb gewichtet er Streit höher als Zustimmung, deshalb holt er dich zurück, wenn du weg bist. Nichts davon ist Bosheit. Es ist die kürzeste Verbindung zwischen dem Geschäftsmodell und dem Produkt. Twitters Ranking-Pipeline läuft nach eigenen Angaben rund fünf Milliarden Mal am Tag. Jeder dieser Durchläufe stellt dieselbe Frage: Was hält diese Person am längsten? Keiner fragt: Was hat sie gesucht?

Wer sonst noch verdient

Die Plattform ist der größte Nutznießer, aber nicht der einzige. Redaktionen, die ihre Reichweite über Feeds beziehen, verdienen an Klicks - und lernen, wie Upworthy es in 12.448 Überschriftentests gelernt hat, dass negative Überschriften mehr Klicks bringen. Creator werden nach Abspielzeit bezahlt und lernen dasselbe. Werbetreibende kaufen Reichweite, und Reichweite gibt es dort, wo die Menschen sind. Eine Krise ist für jedes Glied dieser Kette Hochsaison: Die Nutzungszeiten steigen, die Reichweiten steigen, das Inventar wächst. Niemand in der Kette wird dafür bezahlt, dass du aufhörst. Das ist keine Anklage gegen Einzelne. Es ist eine Beschreibung der Anreize, und Anreize gewinnen fast immer.

Was sich daraus ableiten lässt

Die Frage „Wer verdient daran?“ ist das schnellste Werkzeug, um eine Informationsquelle zu verstehen. Ein Feed, der kostenlos ist und Anzeigen zeigt, verdient an deiner Zeit - also ist er darauf gebaut, sie zu maximieren. Eine Zeitung, die du abonnierst, verdient an deiner Zufriedenheit mit dem Abo - also hat sie einen Grund, dich nicht zu erschöpfen. Ein öffentlich-rechtlicher Sender wird pauschal finanziert - also hat er keinen Grund, dich um 23 Uhr zurückzuholen. Keine dieser Quellen ist frei von Interessen. Aber nur bei einer davon ist deine Aufmerksamkeit nicht das Produkt, sondern der Preis, den du zahlst. Wer in einer Krise informiert bleiben will, ohne den Abend zu verlieren, sollte die Quelle nach dieser Frage wählen - nicht nach der Geschwindigkeit.

Häufige Fragen

Ist das Geschäftsmodell an sich das Problem?

Es ist der Ursprung der Mechanik. Werbefinanzierung ist nicht neu und nicht per se schädlich - Zeitungen leben seit 1833 davon. Neu ist die Präzision: Ein Feed misst Aufmerksamkeit sekundengenau und optimiert in Echtzeit darauf. Was bei einer Zeitung eine grobe Schätzung war, ist beim Feed eine Rückkopplungsschleife. Das Problem ist nicht die Anzeige, sondern das System, das gebaut wurde, um möglichst viele davon zu zeigen.

Sind bezahlte Nachrichtenquellen wirklich besser?

Sie haben andere Anreize, nicht keine. Ein Abo verdient an deiner Zufriedenheit, nicht an deiner Verweildauer - also hat die Redaktion einen Grund, dich nicht zu erschöpfen. Aber auch Abo-Medien kämpfen um Aufmerksamkeit, schicken Eilmeldungen und wissen, was geklickt wird. Der Unterschied liegt in der Richtung des Anreizes, nicht in seiner Abwesenheit.

Quellen

  1. Meta Platforms (2026): Earnings Presentation Q4 2025. Umsatz, Werbeumsatz, Daily Active People, Average Revenue per Person.
  2. Simon, H. A. (1971): Designing Organizations for an Information-Rich World. In: Greenberger, M. (Hg.): Computers, Communications, and the Public Interest. Johns Hopkins Press, 37-72.
  3. Wu, T. (2016): The Attention Merchants: The Epic Scramble to Get Inside Our Heads. Knopf.
  4. Twitter Engineering (2023): Twitter’s Recommendation Algorithm.

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