Was hilft

Rückfälle: Was passiert, wenn es wieder passiert

Du hattest es im Griff, dann passierte etwas, und drei Stunden später lag der Liveticker neben dem Kissen. Das ist kein Versagen. Es ist das Muster - und es gibt einen Umgang damit.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Rückfälle kommen mit Krisen, weil Krisen genau die Situation sind, für die der Feed gebaut ist. Die Forschung zeigt den Kreislauf: Belastung, Sorge, mehr Konsum beim nächsten Ereignis.
  2. Gewohnheiten brauchen im Median 66 Tage (Spanne 18 bis 254); eine ausgelassene Gelegenheit schadet der Bildung nicht messbar.
  3. Der Schaden entsteht am Tag danach, wenn man die Maßnahme aufgibt. Die Umgebungsänderungen sind noch da - der Rückfall beweist nur, dass ein Abend stärker war.
  4. Danach: den Weg finden, der offen war; diese eine Stellschraube drehen; eine Wenn-dann-Regel für das nächste Mal formulieren.

Was ein Rückfall ist

Du hattest es im Griff. Der Feed war chronologisch, die Benachrichtigungen aus, die Nachrichtenzeiten fest. Dann passiert etwas - ein Anschlag, eine Wahl, ein Krieg, eine Nachricht aus dem Bekanntenkreis -, und drei Stunden später liegst du um ein Uhr im Bett mit dem Liveticker. Das ist ein Rückfall, und er ist der Normalfall. Nicht, weil du versagt hättest, sondern weil die Situation genau die ist, für die der Feed gebaut wurde: hohe Unsicherheit, hohe Emotion, keine Antwort in Sicht.

Dieser Text ist der kürzeste in diesem Bereich, weil er nur drei Dinge sagen muss: warum Rückfälle kommen, warum sie nicht das Ende der Maßnahme sind, und was man am Tag danach tut.

Warum sie kommen

Die Forschung liefert zwei Gründe. Der erste ist der Kreislauf, den Thompson und Kollegen über drei Jahre nachgezeichnet haben: Wer bei einem Ereignis viel konsumiert hat, ist belasteter, sorgt sich mehr vor dem nächsten - und konsumiert beim nächsten mehr. Der Rückfall ist keine Ausnahme vom Muster. Er ist das Muster. Wer das weiß, kann ihn erwarten statt sich von ihm überraschen zu lassen.

Der zweite Grund ist die Zeit, die Gewohnheiten brauchen. In der bekanntesten Studie dazu dauerte es im Median 66 Tage, bis ein neues Verhalten automatisch war - mit einer Spanne von 18 bis 254 Tagen, je nach Person und Verhalten. Wer nach drei Wochen einen Rückfall hat, ist nicht gescheitert, sondern in der ersten Hälfte. Dieselbe Studie fand noch etwas: Eine einzelne ausgelassene Gelegenheit schadete der Gewohnheitsbildung nicht messbar. Ein Abend im Liveticker macht die drei Wochen davor nicht ungeschehen.

Warum sie nicht das Ende sind

Der Schaden eines Rückfalls entsteht selten am Abend selbst. Er entsteht am Tag danach, wenn man daraus schließt, dass die Maßnahme nicht funktioniert, und sie aufgibt. Das ist der Moment, den man kennen sollte. Die Maßnahmen auf dieser Seite sind Umgebungsänderungen; sie sind nach dem Rückfall noch da. Der Feed ist noch chronologisch, die Benachrichtigungen sind noch aus. Ein Rückfall beweist nicht, dass die Umgebung falsch eingestellt war. Er beweist, dass die Situation stärker war als die Umgebung - für einen Abend.

Es hilft, das ohne Selbstvorwürfe zu sehen, und zwar nicht aus Nettigkeit, sondern aus Kalkül: Scham ist ein Zustand, der nach Ablenkung verlangt, und die nächste Ablenkung liegt auf dem Nachttisch. Wer sich am Morgen danach schlecht fühlt, greift eher zum Gerät als wer den Abend als das nimmt, was er war: ein Abend.

Was man am Tag danach tut

Drei Schritte, in dieser Reihenfolge. Erstens: nachsehen, was den Rückfall ausgelöst hat - nicht das Ereignis, sondern den Weg. War es eine Eilmeldung? Ein Konto, dem man in einer früheren Krise gefolgt ist? Der algorithmische Feed, in den die App zurückgesprungen war? Fast immer findet sich eine Stellschraube, die noch offen war. Zweitens: diese eine Stellschraube drehen. Nicht alles neu aufsetzen, nur das, was den Weg geöffnet hat. Drittens: eine Wenn-dann-Regel für das nächste Mal formulieren. Die Forschung zu solchen Vorsätzen - „Wenn eine Eilmeldung kommt, dann lese ich sie um 18 Uhr in der Sendung“ - zeigt in einer Meta-Analyse über 94 Studien mittlere bis große Effekte auf die Umsetzung. Der Grund: Die Entscheidung ist schon getroffen, bevor die Situation kommt, in der man sie nicht mehr gut treffen kann.

Und dann weitermachen, als wäre nichts gewesen. Weil, statistisch gesehen, nichts gewesen ist.

Häufige Fragen

Wie oft darf ich rückfällig werden, bevor es sinnlos ist?

Die Frage setzt voraus, dass ein Rückfall den Fortschritt löscht. Die Forschung zur Gewohnheitsbildung zeigt das Gegenteil: Einzelne Aussetzer änderten nichts Messbares am Aufbau der Gewohnheit. Sinnlos wird es nur, wenn man nach dem Rückfall die Umgebung zurückbaut - den Feed wieder algorithmisch, die Benachrichtigungen wieder an. Solange die Einstellungen stehen, steht die Maßnahme.

Was ist eine Wenn-dann-Regel?

Ein Vorsatz, der die Situation und die Handlung vorher verknüpft: „Wenn eine Eilmeldung kommt, dann lese ich sie um 18 Uhr in der Sendung.“ In der Psychologie heißt das Implementierungsintention. Eine Meta-Analyse über 94 Studien fand mittlere bis große Effekte auf die Umsetzung von Zielen. Der Grund: Die Entscheidung fällt, bevor die Situation kommt, in der man sie nicht mehr gut treffen kann.

Quellen

  1. Thompson, R. R., Jones, N. M., Holman, E. A. & Silver, R. C. (2019): Media exposure to mass violence events can fuel a cycle of distress. Science Advances, 5(4), eaav3502.
  2. Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W. & Wardle, J. (2010): How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998-1009.
  3. Gollwitzer, P. M. & Sheeran, P. (2006): Implementation Intentions and Goal Achievement: A Meta-analysis of Effects and Processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69-119.

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