Was hilft

Feste Nachrichtenzeiten: Die Dosis vorher festlegen

Alle anderen Maßnahmen senken die Zeit im Feed. Diese setzt am Inhalt an - und an dem Moment, den der Feed nie liefert: dem, in dem man fertig ist.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Vorher entscheiden, wann man sich informiert - etwa zweimal täglich - und womit: mit einer Quelle, die ein Ende hat und nach Relevanz sortiert ist.
  2. Die Forschung zeigt, dass Inhalt und Dosis zählen, nicht die Zeit an sich: zwei Minuten Krisennachrichten senken die Stimmung, sechs Stunden täglich belasten wie das Ereignis selbst.
  3. Direkt geprüft ist die Maßnahme nicht; sie ist aus den Befunden zu Dosis, Format und Attention Residue abgeleitet.
  4. Grenze: In der akuten Krise ist die Regel am schwersten zu halten und am wichtigsten. Die Lage um 18 Uhr ist dieselbe wie um 14 Uhr, nur besser geordnet.

Was es ist

Feste Nachrichtenzeiten heißt: Du entscheidest vorher, wann du dich informierst, und zwischen diesen Zeiten nicht. Zum Beispiel einmal morgens, einmal am frühen Abend, jeweils zwanzig Minuten, jeweils mit einer Quelle, die ein Ende hat. Das ist keine neue Idee. Es ist die Art, wie Menschen bis etwa 2009 Nachrichten konsumiert haben - Zeitung am Morgen, Tagesschau am Abend -, bevor der Feed die Nachrichten von der Uhrzeit gelöst hat.

Was dafür spricht

Die Maßnahme greift an der Stelle an, die alle anderen auslassen: am Inhalt. Graustufen, Zeitlimits und ein aufgeräumter Feed senken die Zeit im Feed. Aber die Forschung zeigt, dass beim Doomscrolling nicht die Zeit das Problem ist, sondern das, was in ihr passiert. Buchanan und Kollegen fanden, dass schon zwei Minuten Krisennachrichten die Stimmung senken - und dass dieselbe Zeit mit anderen Inhalten das nicht tut. Holman, Garfin und Silver fanden, dass die Dosis zählt: Sechs Stunden Berichterstattung täglich waren mit stärkeren Stresssymptomen verbunden als die Anwesenheit am Ort des Anschlags. Wer die Dosis festlegt, bevor die Krise kommt, muss sie nicht mitten in der Krise begrenzen.

Der zweite Grund liegt in der Mechanik: Ein Feed hat kein Ende, eine Nachrichtensendung schon. Wer sich zu festen Zeiten mit einem Format informiert, das aufhört - eine Sendung, ein Newsletter, eine Titelseite, ein langer Artikel -, bekommt das, was der Feed nie liefert: den Moment, in dem man fertig ist. Die Forschung zu Attention Residue legt nahe, dass genau dieser Moment darüber entscheidet, ob der Kopf danach frei ist oder weiter beim Thema bleibt.

Direkte Studien zu festen Nachrichtenzeiten als Intervention gibt es nicht - das muss man sagen. Die Maßnahme ist aus den Befunden abgeleitet, nicht selbst geprüft.

Was seine Grenze ist

In einer akuten Krise ist die Regel am schwersten zu halten und am wichtigsten. Wenn etwas Großes passiert, will man wissen, was los ist, und „bis 18 Uhr warten“ fühlt sich falsch an. Dagegen hilft nur die Unterscheidung, die der Text über informiert bleiben ausführt: Was von dem, was ich jetzt lesen könnte, verändert eine Entscheidung, die ich heute treffe? Für die allermeisten Menschen bei den allermeisten Ereignissen ist die Antwort: nichts. Die Lage um 18 Uhr ist dieselbe wie um 14 Uhr, nur besser geordnet.

Die zweite Grenze ist sozial. Wenn alle um dich herum den Liveticker verfolgen, bist du derjenige, der es nicht weiß. Das ist unangenehm, und die Forschung zu FOMO erklärt, warum. Es hilft, das vorher zu wissen und zu entscheiden, dass man es aushält.

Für wen es passt

Für alle, deren Doomscrolling aus Sorge kommt und nicht aus Langeweile - also für den Kern des Phänomens. Für Menschen, denen die anderen Maßnahmen zu technisch sind. Und für Krisenzeiten, in denen alle anderen Maßnahmen an ihre Grenze kommen.

Wie du es einrichtest

Drei Entscheidungen, alle vorher. Erstens die Zeiten: zwei am Tag reichen; die letzte sollte mindestens zwei Stunden vor dem Schlafen liegen, weil der Abend die schlechteste Zeit ist. Zweitens die Quelle: eine, die ein Ende hat und von einer Redaktion nach Relevanz sortiert wird - eine Nachrichtensendung, ein täglicher Newsletter, die Titelseite einer Zeitung. Nicht der Feed. Drittens die Ausnahme: Was muss dich sofort erreichen? Meist nur Nachrichten von Menschen, die dich kennen. Alles andere kann warten, bis du kommst. Die Eilmeldungen der Nachrichten-Apps gehören in dieser Logik aus - sie sind das, was die festen Zeiten am zuverlässigsten aufweicht.

Häufige Fragen

Was, wenn wirklich etwas Wichtiges passiert?

Dann erfährst du es. Menschen, die dich kennen, erreichen dich weiterhin; das ist die eine Ausnahme, die bleibt. Was du nicht mehr bekommst, ist der Strom der Zwischenstände - und der verändert für die allermeisten Menschen keine Entscheidung, die sie heute treffen. Die Frage, die hilft: Was von dem, was ich jetzt lesen könnte, ändert, was ich heute tue?

Welche Quelle ist die richtige?

Eine, die aufhört und von Menschen sortiert wird: eine Nachrichtensendung mit fester Länge, ein täglicher Newsletter, die Titelseite einer Zeitung, ein langer Hintergrundartikel. Der Unterschied zum Feed liegt nicht in der Qualität einzelner Meldungen, sondern in der Reihenfolge - nach Relevanz statt nach vorhergesagter Reaktion - und im Ende.

Quellen

  1. Buchanan, K., Aknin, L. B., Lotun, S. & Sandstrom, G. M. (2021): Brief exposure to social media during the COVID-19 pandemic: Doom-scrolling has negative emotional consequences, but kindness-scrolling does not. PLOS ONE, 16(10), e0257728.
  2. Holman, E. A., Garfin, D. R. & Silver, R. C. (2014): Media’s role in broadcasting acute stress following the Boston Marathon bombings. PNAS, 111(1), 93-98.
  3. Leroy, S. (2009): Why is it so hard to do my work? The challenge of attention residue when switching between work tasks. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(2), 168-181.

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