Was hilft

Feed aufräumen: Drei Stellschrauben

Drei Einstellungen, keine Vorsätze: die Reihenfolge des Feeds, wer darin vorkommt und ob er sich von selbst meldet. Einmal eingestellt, wirken sie ohne Entscheidung im Moment.

Von Norbert Hofmann · Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  1. Chronologischer Feed: seit Februar 2024 in der EU Pflicht, meist versteckt hinter „Folge ich“ oder „Neueste“. In der größten Studie dazu senkte er die Nutzungszeit erheblich.
  2. Konten aussortieren: Krisen hinterlassen Abonnements, die die nächste Krise früher in den Feed holen. Stummschalten ist oft besser als Entfolgen.
  3. Benachrichtigungen von Plattformen aus, von Menschen an - dann ist der Feed ein Werkzeug, das man holt, kein Automat, der ruft.
  4. Grenze: Ein aufgeräumter Feed ist immer noch ein Feed ohne Ende. In der Krise braucht es zusätzlich feste Nachrichtenzeiten.

Was es ist

Feed aufräumen heißt, die drei Stellschrauben zu drehen, die die Plattform dir lässt: welche Reihenfolge der Feed hat, wer darin vorkommt und ob er sich von selbst meldet. Alle drei sind Einstellungen, keine Vorsätze. Man stellt sie einmal ein, und sie wirken, ohne dass man im entscheidenden Moment etwas entscheiden muss. Das unterscheidet sie von fast allem anderen, was gegen Doomscrolling empfohlen wird.

Erste Stellschraube: die Reihenfolge

Der wichtigste Eingriff ist der Wechsel vom algorithmischen zum chronologischen Feed. Seit Februar 2024 verpflichtet der Digital Services Act sehr große Plattformen in der EU, eine Variante ohne Profilbildung anzubieten; bei Instagram, Facebook, X und TikTok liegt sie hinter einem Tab oder einer Einstellung mit Namen wie „Folge ich“ oder „Neueste“. Dieser Feed zeigt, was die Konten, denen du folgst, gepostet haben - in der Reihenfolge, in der sie es getan haben. Er misst nicht, wo du langsamer wirst, und sortiert nicht nach vorhergesagter Reaktion. Er ist der einzige Feed, den dein schlimmster Abend nicht trainiert.

Wie viel das ausmacht, hat die größte Studie dazu gezeigt: Über drei Monate um die US-Wahl 2020 bekamen gut 23.000 Facebook- und gut 21.000 Instagram-Nutzer per Zufall einen chronologischen Feed. Sie verbrachten erheblich weniger Zeit auf den Plattformen und waren dort weniger aktiv. Ihre politischen Einstellungen änderten sich in den drei Monaten nicht messbar - was viel diskutiert wurde, hier aber nebensächlich ist. Für Doomscrolling zählt die Zeit, und die sank.

Der Haken: Die Plattformen setzen die Auswahl oft zurück. Wer die App neu öffnet, landet wieder im algorithmischen Feed. Das ist ein Dark Pattern und kein Zufall. Es hilft, den chronologischen Feed bewusst anzusteuern, bis es zur Gewohnheit wird - und bei Plattformen, die es erlauben, ihn als Startansicht festzulegen.

Zweite Stellschraube: wer vorkommt

Der chronologische Feed zeigt, wem du folgst. Damit wird die Liste der Konten zur eigentlichen Redaktion. Ein Abend mit der Frage „Warum folge ich dem eigentlich?“ verändert den Feed dauerhaft. Drei Fragen helfen: Liefert dieses Konto Information oder Erregung? Würde ich es vermissen, wenn es weg wäre? Habe ich es in einer Krise abonniert, weil ich damals alles wissen wollte? Die dritte Frage ist die wichtigste. Krisen hinterlassen Abonnements - Liveticker, Analysten, Augenzeugen -, die nach der Krise weiterlaufen und die nächste früher in den Feed holen.

Stummschalten ist dabei oft besser als Entfolgen. Es ist umkehrbar, es ist unsichtbar für die andere Seite, und es senkt die Schwelle, es tatsächlich zu tun.

Dritte Stellschraube: ob er sich meldet

Benachrichtigungen von Plattformen aus, von Menschen an. Diese Regel steht ausführlich im Text über Push-Nachrichten; hier nur das Ergebnis: Benachrichtigungen, die keine Nachricht von einem Menschen enthalten, sind Rückholer. Sie melden nicht, dass etwas passiert ist, sondern dass du weg warst. Wer sie abschaltet, bekommt den Feed nur noch, wenn er ihn holt - und das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einem Automaten.

Was seine Grenze ist

Ein aufgeräumter Feed ist immer noch ein Feed. Er hat kein Ende, er lädt nach, und in einer Krise liefern auch die sorgfältig ausgewählten Konten Krisenmeldungen im Minutentakt. Die drei Stellschrauben senken die Nutzungszeit und nehmen dem Feed die Verstärker. Sie ändern nicht, was der Feed in einer Krise ist. Dafür braucht es feste Nachrichtenzeiten und Formate mit Ende.

Häufige Fragen

Wo finde ich den chronologischen Feed?

Bei Instagram über das Logo oben links („Folge ich“), bei Facebook im Menü unter „Feeds“, bei X über den Tab „Folge ich“, bei TikTok über den Tab „Folge ich“ oder die Einstellung für einen nicht personalisierten Feed. Die Plattformen setzen die Auswahl oft beim nächsten Öffnen zurück - das ist Absicht, und es lohnt sich, den Tab jedes Mal bewusst anzusteuern, bis es Gewohnheit ist.

Verpasse ich dann nicht Wichtiges?

Im chronologischen Feed siehst du alles, was die Konten posten, denen du folgst - nur in der Reihenfolge, in der es passiert ist, statt in der Reihenfolge, die dich am längsten hält. Was du nicht mehr siehst, sind Empfehlungen von Konten, denen du nicht folgst. Die Studie mit über 40.000 Nutzern fand keinen Rückgang des politischen Wissens durch den chronologischen Feed.

Quellen

  1. Guess, A. M., Malhotra, N., Pan, J., Barberá, P. u. a. (2023): How do social media feed algorithms affect attitudes and behavior in an election campaign? Science, 381(6656), 398-404.
  2. Verordnung (EU) 2022/2065 (Digital Services Act), Artikel 38: Empfehlungssysteme ohne Profiling.

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